Anfang der zwanziger Jahre weckte in Amerika das Radio ähnliche Hoffnungen wie das Internet am Ende des Jahrhunderts. Radio: Das waren damals kleine Stationen, betrieben von Liebhabern mit einem großen Sendungsbewusstsein. Lee De Forest, einer der Pioniere, ansässig in der New Yorker Bronx, versicherte seinen jungen Hörern, sie könnten nun abends in ihren Zimmern "freundliche Besucher aus der ganzen weiten Welt willkommen heißen". Schluss mit der Einsamkeit! "All die unverbundenen Gemeinden und Häuser", schrieb ein anderer Enthusiast der ersten Stunde, "werden vereint sein wie nie zuvor."

Das Radio, glaubte man, werde die Demokratie beleben: mehr Bildung, mehr Information, mehr lokale Koordination, mehr Partizipation. Die Realität sah anders aus. Schon bald wurde das Medium gekapert und von Monopolisierung, Kommerzialisierung und radikaler Politisierung dominiert.

Das rief vor allem in den vierziger Jahren die Gegenwehr progressiver Reformer hervor – denen allerdings nur wenig Erfolg vergönnt war. Entsprechend schnell gerieten sie in Vergessenheit. Dabei gehören diese von Unternehmern und konservativen Kräften abgeblockten Versuche, das Radio zu regulieren und demokratisch auszurichten, zu den spannendsten Kapiteln der jüngeren amerikanischen Geschichte. Zum einen, weil das Scheitern der Regulierungsversuche mediale Strukturen verfestigte, welche die politische Spaltung der US-Gesellschaft mitsamt ihren derzeitigen Auswüchsen befördert, wenn nicht bedingt haben. Zum anderen, weil die Ansätze der Medienreformer sich durchaus übertragen lassen: auf das von Monopolisierung, Kommerzialisierung und radikaler Politisierung beschädigte Internet.

Zensur!

Dass die amerikanischen Radio-Reformbestrebungen in den vierziger Jahren einen Höhepunkt erreichten, hatte auch mit der NS-Diktatur zu tun. Der Blick nach Europa zeigte, wie sich das Radio totalitär nutzen ließ. Mit Hitler und den Nazis, mit ihrer pausenlos über den Äther verbreiteten Propaganda verkehrte sich das Medium der Hoffnung in einen Albtraum: ohne Lautsprecher und Volksempfänger keine Volksgemeinschaft. Entsprechend beunruhigend erschien es den Reformern, dass sich die Macht über die Radiowellen in den USA in den Händen einiger weniger Unternehmen konzentrierte. Während jede größere Stadt über mindestens eine, meistens mehrere Tageszeitungen verfügte, deckten gerade mal vier große Sender 95 Prozent des Abendprogramms sämtlicher Radiostationen im Land ab.

Zwar hatte bereits der Radio Act von 1927 die Meinungs- und Informationsmacht der Sender zu begrenzen versucht. Die Equal-Time Rule etwa verlangte, dass allen Kandidaten für ein politisches Amt die gleiche Sendezeit eingeräumt werden müsse. Doch das schien nun nicht mehr genug. Als einige Sender mit einer extrem einseitigen politischen Agenda, antisemitischer Hetze und fundamentalistischen Bibelauslegungen auffielen, reagierte die Federal Communications Commission (FCC) unter dem Vorsitz des Anwalts Larry Fly: 1941 veröffentlichte sie ihre Mayflower Decision. Diese Entscheidung der unabhängigen, 1934 vom Kongress geschaffenen Behörde besagte: "The broadcaster cannot be an advocate", der Sender dürfe nicht politische Lobbyarbeit betreiben. Und: "The public interest – not the private – is paramount", das öffentliche Interesse hat Vorrang. Andernfalls drohte der Entzug der Sendelizenz.

Radioprogramme frei von Werbung

Die Antwort rechtskonservativer Kreise lautete: Zensur! Verletzung der Rede- und Pressefreiheit, also des 1. Zusatzartikels zur US-Verfassung! Die Reformer konterten diesen Vorwurf, indem sie das First Amendment nicht als ein negatives Recht interpretierten, das Radiostationen vor staatlicher Einmischung schützt, sondern in einem positiven Sinn auslegten: als ein kollektives Recht auf Information. Entscheidend sei die Vielfalt der Standpunkte, aus deren Wettstreit die Wahrheit hervorgehe, lehrte der Jurist Morris Ernst.

Doch der FCC-Chef Larry Fly hatte noch mehr Pfeile im Köcher. Kartellrechtlich ging er gegen NBC vor, das älteste der großen Radio- und TV-Konglomerate. 1943 musste sich die Senderkette von mehreren Stationen trennen. Und 1946 lancierte Fly eine Studie zur Reform des Radios, die wegen ihres blauen Einbands als Blue Book bekannt wurde. Konzipiert hatte das darin enthaltene Programm der Anwalt Clifford Durr, der ein Jahrzehnt später die Bürgerrechts-Ikone Rosa Parks vor Gericht im Kampf gegen die Rassentrennung vertrat. Es war als eine Art Bill of Rights für den Radiohörer gedacht.

Das Privileg einer Senderlizenz sollte Durr zufolge an öffentliches Interesse gekoppelt sein, und das Blue Book definierte dafür fünf Kriterien: Die Sender sollten, erstens, "ausgewogene Interpretationen" zu politischen Ereignissen liefern; zweitens nicht von der Industrie gesponsert sein; drittens Minderheiten im Programm berücksichtigen; viertens Programme gestalten, die über Non-Profit-Organisationen und ihre Arbeit berichten; und fünftens den Mut zu experimentellen Programmen aufbringen, die von den Restriktionen der Werbung befreit sind.