Im Garten des Dorfgasthofes von Eppan ist die Welt noch in Ordnung. Hinter Mirabellenbäumen und Weinstöcken baut sich das Südtiroler Bergpanorama auf, der Himmel ist tiefblau. Fünfhundert Meter weiter bereitet sich die deutsche Nationalmannschaft auf die Weltmeisterschaft vor. Sie bekommt Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auch sie scheint etwas abhaben zu wollen von dieser Idylle.

Auf der Terrasse des Dorfgasthofs trinken Pensionsgäste Bier – die meisten deutsche Rentner, sie tragen ausgewaschene Deutschlandtrikots und Adidas-Hosen. Auch sie sind da, um ihren Idolen nahe zu sein. Jeder Blick auf die Spieler, den sie durch die abgedunkelten Fenster vorbeihuschender Geländewagen erhaschen, ist Labsal für ihre Fanseele. "Unsere Jungs packen das mit der Titelverteidigung in Russland", sagt einer. Soll aber bloß keiner kommen und ihr Nest beschmutzen, dann werden sie sauer. Mesut Özil und İlkay Gündoğan hätten sie allerdings aus der Mannschaft gekickt nach diesem anbiedernden Foto-Posieren mit dem türkischen Autokraten Erdoğan: eine Schande, die "Trikotgate-Affäre". Sollen die zwei doch dahin gehen, wo sie herkamen. Das hat man jetzt davon, dass man denen eine Chance gibt. Fans können brutal sein.

Der DFB hatte das Thema in der vergangenen Woche bereits für beendet erklärt. Es habe ein Gespräch der beiden mit dem Bundespräsidenten gegeben, der Fall sei erledigt. Man wolle sich nun ganz auf die WM konzentrieren. Aber ist das wirklich so?

Dienstag, Medientag, Journalisten dürfen heute traditionell mit allen Spielern kurze Gespräche führen – mit fast allen, Gündoğan und Özil fehlen. Letzterer ist allerdings Thema bei den wartenden Journalisten: Özil soll bei der Aufnahme des Mannschaftsfotos "nach unten geguckt" haben. Guckt der nicht immer nach unten? Neben Erdoğan hat er nach oben geguckt! Beendet ist das Thema nicht. Nervosität im Garten Eden. Am Abend äußert sich Gündoğan dann doch. Die persönlichen Beleidigungen hätten ihn getroffen. Der Frage, ob das Treffen mit Erdogan ein Fehler gewesen sei, weicht er aus. Die Erfahrung sei im Nachhinein betrachtet nicht leicht gewesen.

Drei Wochen ist es her, dass der 27-jährige Gündoğan, der seit 2011 für die deutsche Nationalelf aufläuft, und Özil – 29, seit 2009 in der DFB-Auswahl – dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Londoner Four Seasons ein Trikot ihres Vereins überreichten und in die Kamera lächelten. Gündoğan signierte sein Shirt mit den Worten: "Für meinen verehrten Präsidenten – hochachtungsvoll".

Besondere Brisanz hatte dieses Treffen nicht bloß, weil Erdoğan systematisch seine Kritiker einsperren lässt, sondern auch, weil er sich auf Staatsbesuch in Großbritannien befand, auf Stimmenfang für die Präsidentschaftswahl in der Türkei am 24. Juni. Das Treffen fand auf der Veranstaltung einer Stiftung statt, die türkische Studenten im Ausland unterstützt – die Turken Foundation, ein vor vier Jahren gegründeter Verein, konservativ und regierungsnah. Und im Aufsichtsrat sitzt die Tochter des türkischen Präsidenten.

Das Posieren mit den zwei deutschen Nationalspielern verschaffte Erdoğans Besuch über die Grenzen Großbritanniens hinaus Aufmerksamkeit. Der Präsident beherrscht Symbolpolitik wie kaum ein anderer. Er muss gewusst haben, welche Welle der Empörung die Fotos auslösen würden. Doch wussten die Spieler das auch? Und wenn ja, warum haben sie da mitgemacht?

Die Bilder verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Netzwerken, weil die Erdoğan-Partei AKP sie für Propaganda nutzte. Der Aufschrei in Deutschland erfolgte prompt und heftig. Focus Online schrieb: Die Spieler "repräsentieren unser Deutschland, sie sind Vorbild für Millionen, und damit tragen sie eine besondere Verantwortung. Gerade für die Integration von jungen Deutschtürken." Der Tagesspiegel kommentierte, sie hätten Regeln gebrochen und ihrem Geburtsland, Deutschland, geschadet, obwohl sie ihm so viel zu verdanken hätten. Die Westdeutsche Zeitung fragte: "Jungs, wer hat euch in die Schüssel getreten?". Ein hessischer SPD-Politiker kommentierte auf Facebook die Auswahl des DFB so: "Das vorläufige deutsche Aufgebot zur WM – 25 Deutsche und zwei Ziegenficker". Später ruderte er zurück, er sei kein Ausländerfeind.