Um Mehrheiten für Europa zu gewinnen, genügt es allerdings nicht, seine großartige Geschichte zu beschwören; nicht einmal die Gegner der europäischen Einigung bestreiten rundweg, dass sie dem Kontinent eine beispiellose Periode des Friedens, des wachsenden Wohlstands und der Freundschaft zwischen den Völkern beschert hat. Es geht nicht um die Vergangenheit, es geht um die Zukunft. Es geht darum, auf die Krise Europas eine überzeugendere Antwort zu finden als die Rückkehr zum Vaterland. Statt sich über die Wähler in Italien und anderswo zu beschweren, müsste Europa die Defizite beheben, die zu den Wahlerfolgen der Populisten führen. Angeführt seien nur die drei wesentlichen: die groteske Ungleichheit der Lebensverhältnisse innerhalb desselben politischen Gemeinwesens; die Selbstblockade der europäischen Institutionen in wesentlichen Politikfeldern, von der Außen- über die Flüchtlings- bis hin zur Finanzpolitik, die in den unzureichenden Lissabonner Verträgen strukturell angelegt ist; schließlich die mangelhafte demokratische Legitimation und Transparenz europäischer Beschlüsse.

Nicht für alles hat Emmanuel Macron in seiner Rede an der Sorbonne eine überzeugende Lösung gefunden. Aber zumindest hat er die Defizite einmal in der gebotenen Klarheit benannt und das Ausmaß schon der dringlichsten Reformen umrissen, als er von einer Neugründung der Europäischen Union sprach. Wir Deutschen hingegen, und zwar selbst in seriösen Tageszeitungen, tun so, als ginge es dem französischen Präsidenten nur darum, unsere Ersparnisse zu plündern. Wir beschweren uns über den Nationalismus der anderen und merken nicht, wie nationalistisch unsere eigene Argumentation auf die übrigen Europäer wirkt.

Sollte die deutsche Antwort auf die Vorschläge Frankreichs zu schwach, zu ängstlich, zu egoistisch ausfallen, werden die wesentlichen Defizite der Europäischen Union nicht nur nach dem Sommer weiter bestehen bleiben – es wird mit der deutschen Antwort auch die Hoffnung gestorben sein, dass Europa die Kraft findet, diese Defizite jemals ernsthaft anzugehen. In diesem Fall könnten wir Wetten abschließen, bei welcher Wahl sich rechte und linke Populisten als Nächstes zusammenschließen, um Europa zu besiegen – spätestens in Frankreich, aber vermutlich bereits bei der Europawahl im nächsten Jahr.

Sollte im Straßburger Parlament das proeuropäische Lager keine Mehrheit mehr haben – und das ist bei einer geringen Wahlbeteiligung inzwischen denkbar –, wären die europäischen Institutionen praktisch arbeitsunfähig, von der Brüsseler Kommission bis hin zum Europäischen Gerichtshof. Wenn dann auch noch der Euro aufgrund der absehbaren, noch viel dramatischeren Schuldenkrise in Italien scheitert, wird die Europäische Union in ihrer bestehenden Form nicht mehr zu retten sein und am Ende, weil die nationalen Partikularinteressen sich als unvereinbar herausstellen werden, auseinanderbrechen. Unsere Generation mitsamt der Bundeskanzlerin Angela Merkel hätte das politisch Wertvollste zerstört, was sich auf diesem Kontinent durch Kriege und Völkermorde hindurch herausgebildet hat: das Projekt der europäischen Einigung. Und spätestens dann wird noch der stolzeste Nationalist merken, was es bedeutet, in seinem europäischen Kleinstaat auf sich gestellt zu sein: Wenn im Westen das atlantische Bündnis zerfällt, im Osten ein mafiöses Russland Großmacht spielt, im Orient ein Land nach dem anderen in Krieg und Chaos versinkt, in Asien ein autoritäres China zur führenden Weltmacht aufsteigt und im Himmel der Klimawandel erst richtig Fahrt aufnimmt – spätestens dann werden wir uns in unserer beschaulichen Heimat, die wir neuerdings wieder so sehr schätzen, ziemlich verloren vorkommen.

Man muss den politischen Horizont nur ein wenig über die nächsten Wahlen oder die nächste Steuererklärung hinaus erweitern, um zu sehen, dass nichts so sehr die eigenen nationalen Partikularinteressen bedroht wie gerade der Nationalismus. Und es ist schon unfassbar, dass man zu Beginn des 21. Jahrhunderts an diese Grundlehre des 20. Jahrhunderts erinnern muss: Wo jeder der Erste sein will, werden am Ende alle verlieren.

Deutet sich in den jüngsten Äußerungen der Bundeskanzlerin etwa jene Courage an, die Konrad Adenauer und Willy Brandt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder in den Schlüsselmomenten ihrer Amtszeit an den Tag legten? Die kommenden Wochen werden auch darüber entscheiden, ob Angela Merkel als große Europäerin in die Geschichtsbücher eingehen wird. Deutschland darf die Chance nicht ungenutzt lassen, die sich mit der überraschenden Wahl Emmanuel Macrons in Frankreich ergeben hat – viele weitere werden für Europa nicht mehr kommen.

Dieser Text beruht auf der Dankesrede zum deutsch-polnischen Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis, die Kermani am Sonntag in Göttingen gehalten hat. Der Text erscheint zeitgleich in der französischen Tageszeitung "Le Monde".