DIE ZEIT: Frau El-Menouar, woran denken Sie bei dem Wort "Anpassung" als Erstes?

Yasemin El-Menouar: Oje! Das Thema beschäftigt mich beruflich schon so lange, dass mir sofort ganz viele Facetten einfallen – kulturelle, politische, sozioökonomische und auch emotionale. Aber meine erste Assoziation ist tatsächlich: Einwanderung.

ZEIT: Sie sind selbst Tochter von Einwanderern. Erlebten Sie Anpassung positiv oder negativ?

El-Menouar: Mein Vater kam als Gastarbeiter Ende der sechziger Jahre aus der Türkei, zunächst allein, später holte er meine Mutter und meine Schwester nach. Ich selbst wurde in Düsseldorf geboren. Anpassung war damals etwas Normales, man hat darüber nicht groß diskutiert. Zuerst lernte ich Türkisch, aber rasch auch Deutsch, vor allem in Kita und Schule. Wir wohnten in einem Mehrfamilienhaus mit unterschiedlichen Nachbarn, manche hatten einen Migrationshintergrund, andere nicht. Es war ein schönes, unkompliziertes Miteinander. An verletzende Diskriminierung erinnere ich mich nicht.

ZEIT: Wenn ich nachhaken darf: wirklich nicht?

El-Menouar: Es gab zwar Hänseleien, aber die waren nicht prägend. Und ja: Kinder von Migranten schickte man automatisch auf die Hauptschule und eher nicht aufs Gymnasium. Aber ich habe meine Lehrerin überzeugt, und sie hat mich gefördert.

ZEIT: Wie wurde Migration von einer Privatsache zu Ihrem beruflichen Thema?

El-Menouar: Eigentlich wollte ich Archäologie studieren, aber dann faszinierten mich die Soziologen der Kölner Schule: Jürgen Friedrichs, Wolfgang Jagodzinski – all diese mitreißenden Dozenten. Und mich reizte der Schwerpunkt Religionssoziologie. Als man mich jedoch auf muslimische Themen festlegte, fokussierte ich mich auf Statistik und empirische Methoden. Weil mich die Anwendung der Daten interessierte, ging ich in die Forschungsabteilung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge.

ZEIT: Seit vier Jahren verantworten Sie den Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung. Haben Sie das angesichts der aufgeheizten Debatten schon bereut?

El-Menouar: Nein. Ich möchte mit unseren Daten die emotionalen Integrationsdebatten versachlichen. Oft wird nur gefragt: Wo stehen die Migranten? Was müssen sie leisten? Doch Integration betrifft alle. Deshalb haben wir die Gesamtbevölkerung befragt.

ZEIT: Hat das Ergebnis Sie überrascht?

El-Menouar: Ja! Dass ein Drittel der Bevölkerung sehr gelassen mit den unterschiedlichen Kulturen in unserem Land umgeht und sich wünscht, dass sie zusammenwachsen, dass es bei den Jungen unter 40 Jahren dafür sogar eine Mehrheit gibt – das freut mich.

ZEIT: Ist das nicht die mehrheitliche Position in Politik und Medien, allen Rechtspopulisten zum Trotz?

El-Menouar: Ich hatte zuletzt schon den Eindruck, die Stimmung kippt in Richtung Ressentiment und Abschottung. Doch offenbar gibt es bei vielen hierzulande die Bereitschaft, mit unterschiedlichen Traditionen und Religionen umzugehen. Dass die meisten sich doch noch eine Anpassung der Migranten an die Mehrheitskultur wünschen, sollte man nicht missverstehen als ein Votum gegen Vielfalt.

ZEIT: Sondern? Erstaunlich ist doch das starke Votum der Migranten selbst für eine Anpassung.

El-Menouar: Für die erste Generation der Eingewanderten war Anpassung normal, bei der zweiten Generation war der Anpassungswunsch noch stärker, die dritte Generation sieht sich häufig bereits als deutsch. Sie interessiert sich für ihre Einwanderungsgeschichte und ist stolz auf ihre doppelte Identität. Und doch votiert gerade eine Minderheit der Jüngeren auch ohne Migrationsbiografie für kulturelle Eigenständigkeit. Das hat mich überrascht. Hier besteht eine Tendenz zur Polarisierung. Entscheidend bleibt am Ende jedoch der Generationenwandel: ein starkes Ja zur Vielfalt.

ZEIT: Was muss politisch daraus folgen?

El-Menouar: Vielfaltspolitik statt Streit über Identitäten. In Deutschland neigen wir dazu, kulturelle Unterschiede einzuebnen. Aber warum? Von den Unterschieden lebt doch die Demokratie!