Im sowjetischen System war die Propaganda noch berechenbar: Die Sowjetmacht log, die Prawda druckte die Lügen, das Volk las sie und glaubte sie selten. So gut wie jeder wusste, dass die südkoreanische Passagiermaschine nicht über dem Japanischen Meer "verschwand", wie das System zunächst behauptete – sondern abgeschossen worden war. So gut wie jeder ahnte, dass Tschernobyl nicht unter Kontrolle war, wie das System anfangs behauptete – es gab einen radioaktiven GAU. Und jeder wusste, dass in Afghanistan die sowjetischen Soldaten nicht siegreich ein Land aufbauten – sondern zu Zigtausenden in Zinksärgen heimkehrten und heimlich beerdigt wurden.

Im System Putin ist nichts mehr berechenbar. Es wird gelogen, Lügen werden gedruckt, versendet – und geglaubt. Nicht von allen, aber von vielen. Das ist kein neuer Befund, aber selten hat er sich so erschreckend verdichtet offenbart wie bei dem Interview, das der österreichische Journalist Armin Wolf mit Wladimir Putin geführt hat, bevor der Anfang der Woche Wien besuchte. Wolf fragte nach der Trollfabrik in St. Petersburg, die einem Freund Putins gehört und millionenfach Kommentare über soziale Medien versendet, um die öffentliche Meinung im Westen zu beeinflussen. Putins Antwort: Der russische Staat habe damit nichts zu tun. Wolf fragt ihn, warum Russland nicht die Verantwortung für den Abschuss der Passagiermaschine MH17 mit 298 Opfern übernehme, obgleich ein internationales Ermittlerteam festgestellt hat, dass die Rakete von einem russischen Konvoi stammte. Putins Antwort: Weil nichts bewiesen sei. Wolf fragt, warum Russland Assads Giftgaseinsatz decke und eine UN-Untersuchungskommission blockierte. Putins Antwort: Weil russische Spezialisten anderes sagen. Im System der politischen Verantwortungslosigkeit ist der russische Staat stets Opfer, nie Täter.

Doch es war die russische Seite, die sich nach dem Abschuss der MH17 und nach den Giftgaseinsätzen in Syrien unabhängigen Untersuchungen in den Weg stellte. Es ist Putins Freund, ein Restaurantbetreiber, der nicht nur eine Trollfabrik betreibt, sondern auch – so schreiben es russische Investigativjournalisten – eine Söldnerarmee in Syrien finanziert. Reine Privatsache also?

Russland soll ein Partner des Westens sein, lautet ein Wunsch. Man müsse wieder gegenseitig Vertrauen aufbauen, ein anderer. Aber wie vertrauen, wie verhandeln, wenn immerzu gelogen wird? "Hätten Sie mich ausreden lassen, würden Sie verstehen, worum es geht", beschwert sich Putin bei Wolf, als der ihm ins Wort fällt. Auch das: eine Lüge.