Wäre Deutschland eine Getränkekarte, dann wäre Magdeburg der Kaffee ohne alles. Bescheiden, leicht zu übersehen, im ersten Moment ein bisschen bitter. Vermutlich verbinden Sie Magdeburg entweder mit gar nichts oder mit viel Nichts. Und ja, die Leere wurde tatsächlich quasi bei uns erfunden, aber dazu gleich mehr. Vor dem Bahnhof stehend, dürfen Sie sich erst mal bestätigt fühlen: viel Nichts, ein McDonald’s und ein Burger King. Halten Sie durch! Zwei Stunden reichen für vier Magdeburger Erkenntnisse: grün, historisch, stolz, jung.

Beginnen wir mit grün. Sie gehen durch die Altstadt, dann links zur Johanniskirche. Wenn Sie 2 Euro zahlen und 277 Stufen steigen, haben Sie einen Blick über Magdeburg wie Simba über sein Königreich. Vor Ihnen liegt die Elbe, dahinter der Stadtpark, der so groß ist, dass sich selbst Löwen verlaufen würden – er ist nur eine von vielen Grünanlagen. Wenn Sie ein Foto schießen wollen, dann jetzt. Da im Süden thront unser Königsfelsen, der Magdeburger Dom: ältester gotischer Sakralbau Deutschlands, 104 Meter hoch, 800 Jahre alt; Otto der Große ist dort begraben.

Damit zum Historischen. Sie gehen aus der Kirche hinaus, nach rechts, bei der Hauptwache links und halten vor dem Denkmal des sitzenden Mannes. Dürfen wir vorstellen: Otto von Guericke, berühmtester Sohn der Stadt, der bewies, dass auch 16 Pferde zwei Halbkugeln nicht trennen können, wenn sich darin ein Vakuum befindet. Genau, er hat hier die Leere entdeckt!

Sie überqueren den Alten Markt und sehen am Ende Karstadt, im Gebäude des ehemaligen Centrum-Warenhauses. Wenn Sie ein bisschen schielen, sieht es aus wie ein Schmuckkästchen mit Zähnen. Solche Kästen standen zur DDR-Zeit überall im Osten, jetzt nicht mehr, daher ist dieses hier denkmalgeschützt. Vielleicht finden Sie es zuerst nicht schön, aber wenn Sie links auf das Allee-Center schauen, ein Einkaufszentrum kapitalistischer Charakterlosigkeit aus den 1990ern, dürfen Sie entscheiden, welches mehr Biss hat. Links den Breiten Weg hinunter, der wirklich sehr breit ist, sehen Sie Gebäude, in denen sich die Stadtgeschichte spiegelt – Plattenbauten, Renaissancehäuser, Stalin-Bauten, Barockhäuser und Glasfassaden. Dahinten den gotischen Königsfelsen und direkt davor ein Haus von Hundertwasser, geschwungen und in Rosa. Magdeburg ist architektonisch ein ziemlicher Mischmasch. Das liegt auch daran, dass die Stadt zweimal fast komplett zerstört worden ist, erst im Dreißigjährigen Krieg und dann im Zweiten Weltkrieg. Aber, vielleicht finden Sie das ja auch, es ist ein schöner Mischmasch.

Eine Stunde noch. Zeit für den Stolz. Gehen Sie in die Sternstraße, wo sich Bar an Bar reiht. Sie müssen jetzt mit Magdeburgern ins Gespräch kommen. Mögen Sie Zigaretten? Dann gehen Sie ins Riff, dort kann man noch im Rauch alter Tage auf seine Gesundheit pfeifen. Sie bestellen ein Bier an der Bar und sagen dem Kellner: "Machdeburch is uffjestiejen." Wichtig: Sprechen Sie das "a" kurz. Sie bekommen dann, was nicht jeder in Magdeburg bekommt: ein Lächeln. Der FCM hat sich gerade in die Zweite Bundesliga gekämpft. Prost! Fragen Sie den Kellner nach der Stadt. Wenn er dann erzählt, wie gern er hier lebt, können Sie etwas von dem entdecken, was gerade im ganzen Osten entsteht: ein neues Selbstbewusstsein. Im Schlimmen führt das zu hässlichen Parolen und Runenschrift-Pullis. Aber meistens drückt es bloß einen Lokalstolz aus, der nicht meint, dass es anderswo schlechter sei – sondern nur, dass es hier auch gut ist.

Halbe Stunde noch. Lassen Sie sich per Taxi zur "Datsche" in Buckau fahren, dem ehemaligen Arbeiterviertel, das zu DDR-Zeiten verfiel. Sie betreten jetzt eine selbst gebastelte Welt aus Holz mit Discokugeln, Bar und Burgerstand; im Sand spielen Kinder, auf der Bühne ein DJ. Sie sind bei der letzten Magdeburger Erkenntnis. Wobei "jung" kein spezifisches Alter meint, sondern dieses Noch-nicht-fertig-Sein und das Gefühl, dass es okay so ist. Setzen Sie sich, spüren Sie das Lebensgefühl, in der Leere keinen Makel zu sehen, sondern eine Möglichkeit. Dann verstehen Sie vielleicht auch das mit dem Kaffee. Zuerst ein bisschen bitter. Dann putscht er auf.