Dreißig Grad, wolkenloser Himmel, kein Lüftchen weht. An diesem Abend Ende Mai herrscht kalifornisches Klima in Berlin. Doch Oscar Jazdowski und sein Team wollen aus ihrer sonnenverwöhnten Heimat Kalifornien etwas importieren, das länger währt als gutes Wetter: Der neue Deutschlandchef der Silicon Valley Bank will amerikanisches Geld nach Deutschland bringen – in Form von Krediten für Start-ups. Und den Gründergeist der kalifornischen Hightechszene gleich mit. Dazu hat er rund 150 Investoren, Start-up-Unternehmer und Medienvertreter in eine Rooftop-Bar am Berliner Tiergarten eingeladen. Sie feiern den Deutschlandstart der Bank bei Cocktails und Lounge-Musik.

Die Silicon Valley Bank gilt als Hausbank der Hightechbranche in den USA. Pünktlich zur Eröffnungsparty erhielt die neue deutsche Niederlassung eine Lizenz für Kreditgeschäfte von der Bankenaufsicht. Die deutsche Gründerszene bejubelte den Start schon seit der ersten Ankündigung euphorisch, das Handelsblatt bezeichnete den Schritt als "Ritterschlag für deutsche Start-ups". Wenn es ein Ritterschlag ist, dann ein später: In London ist die Bank seit 2012, Dublin folgte 2016 – Berlin musste bis zu diesem Jahr auf eine Niederlassung warten. Dabei hatte die Bank schon lange Interesse an einer deutschen Zweigstelle bekundet. Man habe sich dann aber erst einmal auf das Wachstum in Großbritannien konzentriert, heißt es. Der Brexit habe bei der Entscheidung, nach Deutschland zu kommen, keine Rolle gespielt.

Die Spezialität der Silicon Valley Bank sind sogenannte Fremdfinanzierungsdarlehen, die in Deutschland bislang eher selten sind. Das sind spezielle Kredite für Jungunternehmen, die schnell wachsen und noch Verluste schreiben. Das Volumen dieser Kredite umfasst mindestens eine Million Dollar. Das Ausfallrisiko lässt sich die Bank mit hohen Zinssätzen ausgleichen – zwischen acht und elf Prozent, je nach Unternehmen und Produkt.

USA deutlich vorne

Anteil der Wagniskapital-Investitionen in Prozent des Bruttoinlandsprodukts

Quelle: Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften © ZEIT-Grafik

Die amerikanische Bank füllt in Deutschland eine Lücke. Denn viele Start-ups stehen hier von einer gewissen Größe an vor Finanzierungsproblemen. Zwar gibt es für frisch gegründete Unternehmen zum Beispiel Gründerkredite der Förderbank KfW, bei denen niedrigere Zinsen ab zwei Prozent üblich sind. Zudem gibt es halb staatliche Förderprogramme wie den High-Tech Gründerfonds, von denen die Start-ups Geld gegen Anteile bekommen. Aber in späteren Finanzierungsrunden ist es für viele Start-ups weit schwieriger, an Geld zu kommen. Vor allem, wenn die Gründer nicht bereit sind, noch mehr Anteile abzutreten. Für einen klassischen Bankkredit bringen die jungen Unternehmen meist zu wenig Sicherheiten mit. Laut einer Studie der Unternehmensberatung PwC hat etwa die Hälfte der Start-ups, die Fremdkapital braucht, Schwierigkeiten, einen Kredit zu bekommen.

Diese Erfahrung hat auch ein Gast der Berliner Eröffnungsparty der Silicon Valley Bank gemacht: Herbert Sablotny leitet das Online-Dating-Unternehmen Spark Networks, zu dem auch die Dating-Plattform eDarling gehört. Das Berliner Start-up verkuppelt sowohl Senioren ("Silber Singles") als auch jüdische ("Jdate") oder christliche Singles ("Christian Mingle") miteinander – und das so erfolgreich, dass es als eines der wenigen deutschen Start-ups seit November an der New Yorker Börse gelistet ist.

Sablotny will in Zukunft vor allem ins Wachstum seiner Dating-Plattform für Senioren investieren. Um das nötige Geld dafür zu bekommen, sprach er mit fünf deutschen und internationalen Banken. "Die Standard-Antwort war: ›Wachst erst mal noch ein bisschen, und dann schauen wir weiter‹", berichtet er. Das britische Büro der Silicon Valley Bank habe dagegen innerhalb weniger Wochen einen Kredit in Höhe von 25 Millionen Euro zu "guten Konditionen" bereitgestellt – Details will er nicht nennen.

Spark Networks ist nicht der einzige deutsche Kunde der Bank. Vom Londoner Büro der Bank aus wurden noch weitere Firmen in Deutschland betreut: das Flugtaxi-Start-up Lilium, die Sprachlern-Plattform Babbel oder der Lebensmittel-Lieferdienst Hello Fresh.