Vom Regen wurde die im märkischen Sand erbaute Hauptstadt diesen Frühling so lange verschont, dass der Verdacht aufkam, ein mutwilliger Geist hätte die Stadt gegen Seahaven ausgetauscht und man befände sich auf dem Set der Truman Show. Jeden Morgen von Neuem standen die Berliner auf und öffneten ihre Fenster einer kalifornischen Sonne. Selbst brüllende Hitze hinderte sie nicht daran, sich unter Verschmähung jedweden Schattens dicht an dicht auf den versengten Matten der innerstädtischen Ufer zu betten. Jongleure, Spanner, Grillrunden und Bettelmusikanten mischten sich eifrig unter das Volk. Der Karneval der Kulturen kam und ging mit Fantasiekostümen, die Hollywood erblassen ließen.

Wie durch bunte Fischschwärme im Great Barrier Reef glitt ich am Halleschen Tor durch die aufgeregte Jugend der Welt, die in alle Himmelsrichtungen die Züge wechselte und sich dabei im Laufschritt bestaunte. In Berlin Mitte stieg ich aus, machte ein paar Besorgungen und ging wie in Trance durch das herrliche Wetter Richtung Bahnhof Friedrichstraße. Über mir kreisten Helikopter, es war ein gigantisches Filmset.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch an der ersten Ampel, wo eine Menschenmenge trotz grünen Lichts artig wartete. Vor unseren Augen kreuzte eine Kolonne schwarzer SUVs die Friedrichstraße. Ich gab mir einen Ruck. Schließlich zeigte die Fußgängerampel Grün, der Verkehr würde sicher gleich zum Stehen kommen. Niemand warnte mich, als ich losmarschierte, aber es folgte mir auch keiner. In der Straßenmitte wurde klar, dass ich den Showdown verlieren würde. Die SUVs fuhren stoisch weiter. Verwirrt machte ich kehrt. "Der Bayern-München-Bus ist gerade vorbeigefahren", sagte jemand, dem die surreale Situation bis dahin die Sprache verschlagen hatte. Ich wartete den Konvoi ab, um meinen Weg fortzusetzen. Vor mir liefen FC-Bayern-Fans, die zum Pokalturnier in voller Karneval-der-Kulturen-Montur angereist waren. "Sie haben was verpasst", sagte ich, im Hochgefühl der knapp Entkommenen, "eben ist der Bayern-München-Bus vorbeigefahren." Sie winkten ab, sie hatten das Spektakel nicht verpasst. "Er hat mich fast überfahren", setzte ich trotzig hinzu. Sie fielen sich jauchzend in die Arme. "Was für ein schöner Tod!", riefen sie. Ich ließ sie stehen, man musste ihnen recht geben.

Zwei Wochen später kam der Regen. Tropische Wolkenformationen kündigten ihn an. Ich sah dem Wasserbad von einer Vernissage in der Helmut Newton Foundation aus zu. Ohne großes Interesse an Carla Sozzanis Fotosammlung wehten die unwahrscheinlichsten Gestalten herein, Damen mit Dino-Kleiderdrucken und ausladenden Strohhüten, Herren in Monteursoverall, Allzweckjacken und Busfahrerhemden. Alle klitschnass natürlich. Mit der am Körper klebenden Garderobe zeichnete sich jene demokratische Gleichheit von Neuem ab, die Helmut Newtons Aktfotos zelebrieren. Unter den Exponaten waren auch Bilder des New Yorker Schnee- und Regen-Fotografen Saul Leiter. Wie kein anderer beschwor er das Informel der Farben, das ein wenig Feuchtigkeit auf urbanen Filmsets erzeugt. Doch das anrührendste Foto stammte von Sarah Moon. Es war die S/W-Aufnahme einer romanischen Skulptur. Sie zeigte nur einen bloßen Fuß, der von senkrechten Schlangenlinien fast verdeckt war. Hommage an Fortuny hatte die Fotografin es in Erinnerung an den großen Plissee-Couturier aus Venedig getauft. Aber waren die seltsamen Linien wirklich Kleiderfalten? Eher schon Höllenfeuer oder apokalyptischer Regen. Nein, sagte Sarah Moon, die anwesend war, "es ist Haar, ich glaube, das der Heiligen Ottilie".

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