Der 9. und der 11. November 1918 sind große Zäsuren: der Beginn der ersten deutschen Demokratie und das Ende des Ersten Weltkriegs. Ein weiterer Vorgang von weltumspannender Wirkung in jenem Herbst hat kein klares Datum: die Spanische Grippe fegte in den Jahren 1918/19 über den Globus und war – neben der Pest im Mittelalter – die wohl gewaltigste Pandemie überhaupt. Ihr fielen nach Schätzungen 50 bis 100 Millionen Menschen zum Opfer.

Trotzdem hat sie kaum Eingang ins kollektive Gedächtnis gefunden. Dafür fehlten die Voraussetzungen: Anfang und Ende sind schwer bestimmbar. Und es gab in ihrer Geschichte nur Besiegte, für Heldentaten und mythologische Überhöhung bot die Spanische Grippe wenig Anlass. Die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney will sie nun der Vergessenheit entreißen: Ihr glückt mit 1918. Die Welt im Fieber eine Zusammenschau der Erkenntnisse verschiedener Wissenschaften rund um dieses globale Geschehen. Dabei sind ihr die Abschnitte über die Wandlungen der Virologie, Epidemiologie und Gesundheitsfürsorge besser gelungen als kulturhistorische und politikgeschichtliche Passagen, die manchmal zu grob geraten. So schreibt sie der Grippeerkrankung von US-Präsident Woodrow Wilson maßgeblichen Einfluss auf den Ausgang der Pariser Friedenskonferenz zu. Die Spanische Grippe habe die auf Ausgleich bedachte amerikanische Position geschwächt und so "indirekt doch zum Zweiten Weltkrieg beigetragen". An solchen Stellen schießt Spinney übers Ziel hinaus und nutzt ein wirkmächtiges, aber damals noch unerkanntes Virus zu einseitig als Erklärung für das Weltgeschehen.

Moderne und Vormoderne nebeneinander

Etwas differenzierter fällt die Diskussion der ursprünglich von General Erich Ludendorff in die Welt gesetzten These aus, die Spanische Grippe habe die deutsche Kriegsniederlage befördert. Spinney hält das für plausibel, zum Beleg stützt sie sich auf englischsprachige Studien und zitiert Ernst Jünger. Die entgegengesetzte These eines milderen Verlaufs der Grippe in Deutschland dank Seeblockade und Sperrriegel an der Westfront erörtert Spinney nicht. Insgesamt schuf der Weltkrieg ideale Ausbreitungsbedingungen für das Virus, durch Versorgungsengpässe, unter in Schützengräben und Lagern zusammengepferchten Soldaten und während der Truppenbewegungen im Zuge der (De-)Mobilisierung.

Wer den Ursprung der Krankheit in den Vereinigten Staaten ausmacht, wird überseeische Truppentransporte als entscheidend für die Beschleunigung der Pandemie ansehen. Ob es sich bei einem Krankheitsfall in Camp Funston (Kansas) wirklich um Patient null handelt, ist allerdings nicht eindeutig zu belegen. Andere begründete Annahmen, die Spinney akribisch nachzeichnet und gegeneinander abwägt, weisen nach Shanxi in China oder an die Westfront in das Lager von Étaples. Nur spanisch war diese Grippe nicht, das ist gewiss. Allerdings wurde in dem Land, das sich im Weltkrieg neutral verhielt und kaum Pressezensur übte, über Krankheitsfälle früher und offener als anderswo berichtet. Bald setzte sich in englischen und französischen Medien die irrtümliche Formel von der Spanischen Grippe fest.

Wer den zeitgenössischen Diskurs rekonstruiert, wie Spinney dies tut, ist ohnehin mehr mit Irrtümern und ungelösten Rätseln befasst als mit unerschütterlichen Erkenntnissen. Die Grippe-Pandemie überstieg den ärztlichen Wissensstand von 1918 bei Weitem. Es dominierte ein "polypharmazeutischer Ansatz", der darauf hinauslief, alle verfügbaren Medikamente zu probieren. Keines bekämpfte die Ursache, manche linderten die Symptome. Andere sorgten – gerade bei Überdosierung – für eine Verschlechterung. Die Patentmedizin erlebte damals eine Blütephase, alle möglichen Mixturen wurden feilgeboten. Quecksilberinjektionen, aber auch Rauchen und Alkoholkonsum galten als Antidot. Der berühmte Architekt Le Corbusier soll sich, wie Spinney berichtet, bis zum Ende der Grippewelle mit Cognac und Zigaretten in seine Pariser Wohnung zurückgezogen haben.

Wer die Grippe für eine Gottesstrafe hielt, suchte ihr mit Ritualen beizukommen. So feierten in Odessa Juden auf dem Friedhof "schwarze Hochzeiten", während in den Laboren der Stadt intensiv geforscht wurde. In solchen Momenten scheinen Moderne und Vormoderne nebeneinander zu existieren. Mittlerweile konnte das H1N1-Virus entschlüsselt werden, das die Pandemie von 1918/19 verursacht hatte und höchstwahrscheinlich vom Vogel auf den Menschen überging. Es lagert nicht ohne Grund in einem Hochsicherheitslabor in Atlanta. Vor hundert Jahren sorgte es für mehr Opfer als der Weltkrieg, aus dessen Schatten Laura Spinney diesen Prototyp einer Pandemie heraustreten lassen will. Ihre grippegeschichtlichen Spotlights sorgen dabei für Aufhellung und Blickverengung zugleich.

Laura Spinney: 1918. Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte; a. d. Engl. v. Sabine Hübner; Hanser, München 2018; 378 S., 26,– €