Wenn man Kairo anfliegt, sieht man von oben ein Netz schnurgerade gezogener Straßen, dazwischen bräunliche Hausdächer und Gärten, und am Horizont glänzt wie von Lametta bedeckt der Nil. So als hätte ein Planer alles wohldurchdacht und ordentlich angelegt. Wenn man vom Flughafen in die Stadt fährt, merkt man, dass der Blick von oben nichts mit der Stadt zu tun hat, die in einem fort improvisiert. "Kairo ist Jazz", lässt Omar Robert Hamilton seinen Protagonisten sagen. "Nicht der kommerzialisierte Lobbyjazz", sondern jener, "der Schönheit in der Zerstörung der Vergangenheit hervorbringt, der Jazz einer unbekannten Zukunft, der Jazz, der Freiheit von den schlimmen alten Zeiten verspricht."

Ja, genau so fühlte sich Kairo an im Jahr 2011. Alles war chaotisch, alles war möglich. Die Hauptperson in Hamiltons Roman Stadt der Rebellion, Khalil, ist Amerikaner ägyptischer Herkunft. Er zieht mit seinen Kairoer Freunden durch die ägyptische Revolution, kämpft, leidet, überlebt. Hamilton, halb Brite, halb Ägypter, hat sich in Khalil eine Figur nach seiner eigenen Erfahrung geschaffen. Den Beginn des Aufstandes im Januar 2011 erlebte Hamilton in Washington, dann flog er los. Nach Kairo, auf das damals die ganze Welt starrte. Der arabische Aufstand, sein Erfolg oder sein Untergang, entschied sich in dieser Stadt.

Hamilton verrührt die Dramatik jener Zeit mit einer Liebesgeschichte zwischen dem Amerikaner Khalil und Mariam, der Tochter einer Ärztefamilie. Herausgekommen ist dabei eher eine politische Reportage als ein Roman. Mariam möchte nicht zu den vielen Studenten aus der Kairoer Oberschicht gehören, denen die Eltern einen teuren Studienplatz bezahlen. Sie wehrt sich auch dagegen, fix zu heiraten und Kinder auf die Welt zu bringen. Sie will organisieren, handeln, machen. Dafür hätte es sicher keinen besseren Moment gegeben als den Januar 2011, in dem der Aufstand begann. Viele junge Ägypter dachten genauso. Sie wollten nicht in der Diktatur ergrauen wie ihre Eltern. Der Traum begann – und der große Kampf für diesen Traum.

Khalil und Mariam arbeiten im Chaos Collective, das Nachrichten und Videos vom Aufstand verbreitet, um ihn am Leben zu halten. Die Handlung setzt acht Monate nach dem Sturz des Herrschers Mubarak ein, als die Revolution sich längst in den Schützengräben zwischen den Kairoer Häuserschluchten eingegraben hat. Rund um den Tahrir-Platz, in Downtown Kairo, am Fernseh- und Hörfunkzentrum Maspero am Nil. Hamilton führt seine Leser mitten hinein in die Schlachten der Demonstranten gegen die Polizei, gegen die Schläger und Schergen des ägyptischen Militärrats. Gegen die Tränengasschwaden halfen Zwiebeln und Coca-Cola am besten. Gegen Schlagstöcke und Gummikugeln half der Sprint in Hauseingänge und Seitenstraßen. Gegen die gezielten Kugeln der Sicherheitskräfte half nichts.

Hamiltons Helden kämpfen nachts auf den Straßen und gehen tagsüber durch die Leichenschauhäuser, um ihre getöteten Freunde zu suchen. In der Zeit, die ihnen bleibt, dokumentieren sie im Chaos-Büro die Kämpfe, prangern die Gewalt der Polizei an, schreiben über die Toten. Wenn sie selbst umfallen vor Erschöpfung, ziehen sie sich hoch mit der Parole: "Guckt doch, sie haben Angst vor uns!" Mit der x-ten Kampfszene zwischen Tahrir-Platz und Talaat-Harb-Straße ermüdet leider auch der Leser ein wenig. Aber so war er eben, der Alltag: der ägyptische Aufstand, ein Abnutzungskrieg.

Die große Frage: Wie hält man eine Revolution auf Dauer durch? Und wozu ist sie gut? Was hätten die jungen Demonstranten gemacht, wenn der Militärrat einfach zurückgetreten wäre? Ein Streitgespräch zwischen Khalil und Mariam beleuchtet das Dilemma der Aufständischen. Sie will die Wahlen boykottieren, Khalil fragt: "Wenn du nie an Wahlen teilnimmst, wie willst du dann an die Macht kommen?" Das ist zu westlich gedacht. "Ich will keine Macht", gibt Mariam patzig zurück. "Ich will der Straße vertrauen. Es bahnt sich etwas Neues an, das wir noch nicht sehen können. Und wir müssen die Krise so lange am Leben halten, bis es geschieht." Aber was? Das alte Regime ist während der Revolution in Deckung gegangen, aber es ist nicht weg. Die Geschichte ist reich an Beispielen dafür, dass in der Krise nicht die Aufständischen, sondern die Entschlossenen die Macht übernehmen. So 1917 in Russland oder 1979 im Iran.

In Kairo glaubten viele, die Bolschewiki oder Ajatollahs, das seien die Muslimbrüder. Hamilton beschreibt, wie sich der Kampf der jungen Demonstranten zunehmend gegen sie richtete und gegen den ersten demokratisch gewählten Präsidenten Ägyptens, den Muslimbruder Mohammed Mursi.

Er gab viel Anlass dazu. Mursi erklärte vorübergehend den Ausnahmezustand. Mursi erschwerte Journalisten die Arbeit. Mursi ließ Tötungen der Sicherheitskräfte nicht untersuchen. Er ließ Ärzte davonkommen, die an Demonstrantinnen Jungfräulichkeitstests vornahmen. Viele nannten die Muslimbrüder "Islamo-Faschisten" und verdächtigten sie, mit Amerika und Katar unter einer Decke stecken, um "Ägypten zu besetzen". Mursi war ein schlechter Präsident, der die nächste Wahl nicht überlebt hätte, aber ein Diktator war er nicht. Das war der Irrtum. Dass die Muslimbrüder die größte Bedrohung seien, war die Fehleinschätzung der jungen Revolutionäre genauso wie vieler Beobachter im Ausland. Denn im Hintergrund dieses Kampfes bereitete das alte Regime seine Rückkehr vor.

Während sich viele Aufständische wie Mariam und Khalil an den Muslimbrüdern aufrieben, standen Ende Juni 2013 plötzlich Leute auf der Straße, die man vorher nie gesehen hatte. Mariam trifft auf geschminkte Damen mit Prada-Sonnenbrillen und gefälschten Louis-Vuitton-Taschen, Kinder, die mit amerikanischem Akzent kreischen. Sie halten Schilder hoch mit der Aufschrift: "Sissi, rette Ägypten vor den Muslimbrüdern!" und "Die Armee, das Volk – Hand in Hand".

General Abdel Fattah al-Sissi war Verteidigungsminister und die Hoffnung des alten Regimes. Die demonstrierende Prada-Armee sollte nur die schöne Oberfläche abgeben, hinter der die ägyptischen Streitkräfte gegen den gewählten Präsidenten Mursi putschten. Plötzlich war Mursi weg, und alle trugen Sissi-Masken, aßen Sissi-Törtchen und feierten den Retter. Die Muslimbrüder, die sich wehrten, wurden an der Rabia-al-Adawija-Moschee zusammengeschossen. Rund 900 Tote an einem Tag. Alles "Terroristen" natürlich.

Fast überflüssig zu sagen, dass sich die Säuberungen und Verfolgungen nicht auf die Muslimbrüder beschränkten. Hamilton lässt sein Buch mit einer ergreifenden Szene enden. Freunde von Mariam, Aktivisten des Aufstands, stehen in einem Käfig im Gerichtssaal, festgehalten wie Tiere, und warten auf das Urteil des Richters.

Das war das Ende des Jazz, den Khalil im Ohr hatte, als er nach Mubaraks Sturz durch die Straßen Kairos ging. Zur Machtergreifung von General Abdel Fattah al-Sissi blies eine Kapelle Marschmusik. Seither herrscht Stille.

Omar Robert Hamilton: Stadt der Rebellion. Wagenbach, Berlin 2018; 304 S., 24,– €, als E-Book 21,99 €