Auf einer griechischen Insel, da, wo die Götter zu Hause sind, begegnet Jaak der Liebe. Sie tritt mit einer Wucht und in gleich doppelter Gestalt in sein Leben, als hätte Zeus seine Finger im Spiel. Jaak ist zwölf Jahre alt, lebt eigentlich in den Niederlanden und hat überhaupt keine Lust auf diese Ferien bei seinem griechischen Vater. Um in der Einöde wenigstens ein paar Abenteuer zu erleben, hat er sich einen Stapel Comics mitgebracht. Doch nach einigen quälend langen Tagen mit Superhelden auf der Ausziehcouch ereilt Jaak dann doch noch das Schicksal.

Es tritt in Gestalt des Jungen Micha auf, von dem Jaak sich sofort magisch angezogen fühlt: Es ist, als würde er Micha schon ewig kennen – und irgendwie stimmt das auch. Micha zumindest weiß, wer Jaak ist. Denn noch immer erzählt man sich im Dorf die Geschichte, wie Jaaks Mutter mit ihm vor sieben Jahren seinen Vater und die Insel einfach so verließ. Jaak ahnt, dass diese Entscheidung damals in Wahrheit alles andere als einfach war. Und er wird in diesem Sommer verstehen, dass große Dinge im Leben selten einfach sind.

Zunächst aber scheint alles ganz federleicht. Gemeinsam erkunden die beiden Jungen die Insel, schwimmen im Meer, klettern auf Bäume, sind dem Himmel ganz nah. Und sie warten. Denn Micha hat seit einem Jahr eine Freundin: Puck, ein niederländisches Mädchen, das im letzten Sommer mit seinen Eltern Urlaub auf der Insel gemacht hat. Bald wird sie wiederkommen. Immer mehr erzählt Micha von seiner Freundin, und Jaak spürt ein Kribbeln im Bauch, wenn er Micha schwärmen hört – ein wenig, als wäre er gemeinsam mit Micha in Puck verliebt. Als sie dann plötzlich eine Woche früher als geplant auf der Insel eintrifft, ist die Bühne bereitet für das Drama dieses Sommers; frei nach dem Puck-Zitat aus Shakespeares Sommernachtstraum: "Zwei Stück Mann und eine Frau – das gibt eine gute Schau."

Der niederländische Autor Gideon Samson ist bekannt dafür, in seinen Romanen etwas zu wagen. Themen zu wählen, die provozieren, Helden zu erfinden, die den Leser abstoßen. Diesmal wagt er sich an eine Dreiecks-Liebesgeschichte zwischen Kindern oder genauer gesagt zwischen jungen Menschen, die gerade die Unschuld der Kindertage hinter sich lassen.

Wo verläuft die Grenze zwischen Freundschaft und Liebe und Sex? Gibt es Liebe nur zwischen Mädchen und Jungen? Und kann man zu mehr als einem Menschen eine Liebesbeziehung haben? Diese Fragen überspannen den griechischen Götterhimmel, unter dem Jaak, Micha und Puck spielerisch und wild und voller Lust ihre Gefühle ausleben und deren Grenzen erkunden. Micha und Puck sind das Paar, aber sie schließen Jaak nicht aus. Zu dritt erobern sie nun diese unwirklich schöne Sommerwelt, streifen durch die mythische Landschaft und landen in einer Nacht auf dem höchsten Punkt der Insel. Als sie eine Sternschnuppe sehen, verrät Micha seinen größten Wunsch: "Ich will, dass immer alles so bleibt."

Samson lässt Jaak die Geschichte in der zweiten Person erzählen: "Du fühlst einen Schauder im ganzen Leib. Einen eiskalten und gleichzeitig auch glühend heißen Schauder. Es ist der schönste und aufregendste und fantastischste Wunsch, den du je gehört hast." Diese Erzählperspektive irritiert zunächst und ist für Sommernachts-Erlebnisse wie diese doch die einzig mögliche: Ob Jaak in diesem intimen Augenblick träumt oder wach ist, ob es diesen aufregenden Wunsch, diese Liebe unter drei nur in Gedanken gibt – wer weiß das schon? Jaak ist ein nachdenklicher, stiller Junge, den in dieser Traumwelt das Erwachsenwerden mit voller Intensität erwischt. Auf einer Insel, auf der sowieso viel mehr erlaubt ist als in der niederländischen Wirklichkeit. Micha und Puck sind die Gegenstücke zu Jaak, die ihm zeigen, was für ein Mensch er sein kann. Micha, der, ohne großes Aufheben darum zu machen, das Terrain schon betreten hat, das Jaak sich erst erobern muss. Und Puck, in der sich alles Begehren spiegelt.

Die drei wissen, dass dies der Sommer ihres Lebens ist. In einer Nacht gehen sie zusammen an den Strand. Puck traut sich als Einzige ins teerschwarze Wasser, und als sie herauskommt, küsst sie Micha so leidenschaftlich, wie sie es noch nicht getan hat, wenn Jaak dabei war. Und dann spürt Jaak ihre Hand auf seinem Bein, und dann küsst Puck ihn. Und Micha lächelt ihn an.

In diesem Sternschnuppensommer darf Jaak ohne Denkverbote ausprobieren, welche Spielarten von Liebe es gibt, dürfen drei junge Menschen erfahren, was sie glücklich macht. Das ist meisterhaft komponiert und noch dazu mit viel Sprachwitz erzählt. Man hätte Samson eine ebenso meisterhafte Übersetzung gewünscht, leider haben sich in den Text aber so einige erstaunliche Schnitzer eingeschlichen, etwa wenn da an einer Stelle Jaaks Vater einen Moment "ganz besonders wichtig nimmt" oder sich Jaak Hand in Hand mit Puck "einen Weg bis mitten zwischen die Leute auf dem Platz" bahnt. Ein sorgfältigeres Lektorat hätte diesem anspruchsvollen Text gutgetan, in dem alles unaufhaltsam auf die große Krise zusteuert.

Denn eine Dreiecksbeziehung kann nur gut gehen, wenn alle mit offenen Karten spielen. An einem Nachmittag aber übertreten Jaak und Puck eine Schwelle, und Heimlichkeit breitet sich wie Gift zwischen den dreien aus. Wenn ihre Liebe gerettet werden soll, muss Jaak wirklich zum Erzähler seines Lebens werden. Was gestern geschah, war ein Spiel zu dritt, dessen Regeln er noch nicht kannte. Aber heute ist ein neuer Tag, und die Götter müssten verrückt sein, wenn dieser Junge die Partie nicht gewinnen könnte.

Gideon Samson: Sternschnuppensommer. Deutsch von Rolf Erdorf; Gerstenberg Verlag 2018; 232 S., 12,95 €