Zwischen den Streitereien um die Political Correctness der Sprache (müssen die "Mohren Apotheken" umbenannt werden? Soll die Nationalhymne mit "Vaterland" oder "Heimatland" gesungen werden?) ist ein wenig in Vergessenheit geraten, dass es auch eine grammatikalische Korrektheit gibt.

In pädagogischer Hinsicht ist beides anspruchsvoll. Einem Siebenjährigen, der wutentbrannt nach Hause kommt, weil "der Scheißlehrer in der Pause die ganzen Schüler aus der Klasse geschmissen hat", lässt sich nur mühsam eintrichtern, dass es "Schüler und Schülerinnen" heißt. Begibt er sich viele Stunden später mit einem hingemaulten "Okay, dann tu ich jetzt halt anfangen" an seine Hausaufgaben, ist die Chance, ihm auch noch die im Hochdeutschen korrekte Formulierung "Okay, dann fang ich jetzt halt an" schmackhaft zu machen, nur gering. Bei einem bayerischen Buben sieht die Sache etwas anders aus. In einigen Dialekten, vor allem im bayerischen, ist es üblich, "tun" als Hilfsverb ("Tust du noch studieren?" – "Na, ich tu arbeiten") zu verwenden.

Der neue Roman von Susanne Fröhlich, es ist übrigens der zehnte in der Andrea-Schnidt-Reihe, spielt im hessischen Sprachraum. Rudi, der Schwiegervater von Andrea Schnidt, mit dem sie sich trotz ihrer Scheidung von Rudis Sohn immer noch prima versteht, hat sich im angestiegenen Alter einen Instagram-Account zugelegt, was er so kommentiert: "Isch bin alt, aber net hinnerm Mond. Isch mach des alles selbst. Isch hab vor, dademit irschendwann Geld zu verdiene. Ab eine bestimmte Menge Follower kriegt man Werbeangebote. Das sin heut richtische Stars, Andrea. Das nennt man Influencer."

Andrea Schnidt, eine sympathische Durchschnittsfrau, ist zweifellos die bekannteste weibliche Romanfigur der gehobenen deutschen Unterhaltungsliteratur. Sie altert mit ihrer ebenso sympathischen Erfinderin mit und hat seit einiger Zeit einen neuen Lebensgefährten. Er ist Arzt und steigt für ein Jahr aus seinem Krankenhausjob aus, um eine Praxis auf dem Dorf zu übernehmen. So kommt die Arzthelferin Petra ins Spiel. Über Petras regionale Herkunft verrät der Roman nichts, aber es könnte Bayern sein. Denn Petra hat am Hilfsverb "tun" einen echten Narren gefressen. In fast jedem Satz bringt sie es unter. "Also, ich weiß, das tut für Sie jetzt vielleicht komisch aussehen ...", "Ich tu ja mindestens eine halbe Stunde nach Hause brauchen". Das quietscht schon beim Lesen in den Ohren, und Andrea Schnidt ist von der "Tut-Tut-Frau" auch ziemlich genervt.

Über die Lebensweise deutscher Provinzmenschen ist in Susanne Fröhlichs Verzogen nicht viel anderes zu erfahren als in den Dorfromanen, die es momentan en masse gibt. In der Sprechweise der Figuren ragt er allerdings weit heraus, sie sind grammatikalisch und dialektal wirklich up to date.

Susanne Fröhlich: Verzogen. Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt 2018; 330 S., 17,99 €