Dann wird es laut. Und es wird noch lauter. So laut, dass es eigentlich gar nicht mehr auszuhalten ist. Eine gewaltige Welle aus Lärm wälzt sich über uns hinweg; schwere, langsam geschlagene Gitarrenakkorde bringen den Körper zum Wiegen und Zittern; ein bleiern brummender Bass drückt den Körper zugleich zu Boden, und wessen Körper sich am Boden befindet, der reckt seinen Kopf unweigerlich wieder nach oben und blickt in den Himmel und sucht in dessen Schwärze nach göttlichen Zeichen: nach Zeichen der Erlösung von diesem niederwerfenden Krach – und nach Erlösung von der Welt, aus deren Jammer und Trübsal dieser herrliche Krach die Menschen zumindest für ein paar Momente der Epiphanie und Meditation zu befreien versteht.

"Knie nieder, bewege die Lippen zum Gebet, und du wirst glauben", so hat der französische Philosoph Blaise Pascal den Weg zur Erleuchtung dereinst beschreiben, vor mehr als 300 Jahren. In der Gegenwart sind seine gelehrigsten Jünger drei Heavy-Metal-Musiker aus Kalifornien. Sie tragen den Namen Sleep; sie zwingen ihre Hörer mit der Kraft ihres körpererschütternden Krachs in die Knie; und mit der Zärtlichkeit ihrer meditativen Rhythmen und ihres psalmenartigen Gesangs erheben sie ihn zugleich wieder in höchste Höhen.

Sleep wurden 1990 gegründet, ihre ersten Platten hießen Holy Mountain, Jerusalem und Dopesmoker. Von Anbeginn ihrer Karriere an schwelgten sie in religiösen Ikonografien, vom Christentum bis zum Buddhismus, und verbanden sie mit dem Lobpreis bewusstseinserweiternder Drogen. Zwischen der Erleuchtung durchs Kiffen und jener durch die göttliche Offenbarung gab es bei ihnen keinen Unterschied. "Proceed the weedian / Nazareth": In ihren nicht selten 60-minütigen Stücken folgten sie Prozessionen von Marihuanapriestern durch die Wüste in das Heilige Land. " Follow the smoke / Jerusalem", das zog sich als leitmotivische Zeile durch ihr komplettes Frühwerk: ein intensiver, gänzlich ironiefreier, völlig singulärer Religions-Metal.

Ende der neunziger Jahre lösten Sleep sich auf, nachdem sie den Vorschuss einer großen Plattenfirma nach eigenen Angaben vollständig inhaliert hatten. Nun sind sie doch wieder tätig geworden, nach 20 Jahren ist eine neue Platte der Band erschienen: Auf The Sciences setzen sie ihre Pilgerschaft fort und die Suche nach dem Heiligen Land. Doch sind die Stätten der Offenbarung nun in die unendlichen Weiten des Weltalls entrückt: Auf dem Cover des Albums sieht man einen Raumfahrer, der gerade die Verbindung zu seiner Mutterstation kappt. Als "Marihuanauten" reisen Sleep durch die "galaktische See"; sie genießen die Freiheit des gravitationslosen Raums und die Momente der kosmischen Schönheit, etwa wenn der Saturn über der Erde aufgeht. Auf der dunklen Seite des Mondes suchen sie nach dem neuen Zion; weil sie erleuchtet sind, wissen sie, dass es sich dort befindet, auch wenn die anderen Menschen es mit ihren irdischen Sinnen nicht sehen und wahrnehmen können. "Look onto Zion, though it can’t be seen", bekundet Al Cisneros in unendlichen Wiederholungen mit mantrahaft sägender Stimme, in dem Stück Sonic Titan, in dem er sich mit aller Kraft seiner Intonation zu einer menschlichen Gebetsmühle macht.

So ist es durchweg auf diesem großartigen Album: Ritueller Minimalismus und musikalisches Geschichtenerzählen, irdische Schwere und geistige Leichtigkeit sind hier bruchlos miteinander verbunden. Der neue Schlagzeuger Jason Roeder spielt sein Instrument mit der ganzen Kraft eines klassischen Hardrock-Drummers und verzwirbelt sich doch immer wieder in unerwarteten Metren; der Gitarrist Matt Pike empfängt den Hörer zunächst mit einer virtuos arrangierten Kakophonie aus elektrischen Rückkopplungstönen, um aus diesem Lärmschlamm umso schönere Harmonien blühen zu lassen. Das Zentrum der Gruppe aber ist Al Cisneros, der Prediger, der Empfänger, der Mantrensänger. Er singt und spricht, wie sonst niemand singt und spricht, und dazu spielt er den Bass, wie ihn sonst niemand spielt. Auf der Konzertbühne verwandelt er sich in ein entrücktes Tier: Mit vorgerecktem Kopf haut er in die Saiten wie ein melancholischer Biber mit gewaltigen Pfoten. Er scheint nicht selber zu spielen, er wird gespielt, und dazu verkündet er in fremden Zungen immer wieder die frohe Botschaft der spirituellen Masochisten von Sleep: Wer die Furcht und den Schmerz zu genießen weiß, der wird erhoben; und wer im rechten Moment niederkniet und sich dem Gott des Krachs unterwirft, der wird für alle Zeiten befreit.