In der Schulzeit habe ich mich manchmal gewundert, dass ich bestimmte Jungs so bewundert habe, weil sie etwas konnten oder gut aussahen. Im Theologiestudium erkannte ich dann, dass ich schwul bin. Ich verknallte mich in einen Kommilitonen. Erst habe ich nichts gesagt, aber nach Ende des Studiums besuchte ich ihn in Berlin und hatte meinen ersten Sex. Ich wollte damals allerdings Priester werden und verdrängte mein Schwulsein wieder. Ich dachte, die paar sexuell aktiven Jahre überstehe ich auch noch.

Ich war gerne Priester, Seelsorger und Prediger. Ich kann auch nicht ganz schlecht gewesen sein, denn ich bekomme bis heute ein gutes Echo. Weil ich kein aktiver Schwuler war, gab es keine Probleme. Wenn ich mich mal verliebte, dachte ich, du bist Priester, du behältst es für dich. Doch die Leute müssen irgendwas gemerkt haben, denn es gab Tuscheleien in der Gemeinde – hat er ein Verhältnis mit dem Pianisten? Das hat mich mehr und mehr gewurmt.

Irgendwann hatte ich die Schnauze voll, von der Kanzel herunter sagte ich: "Ich lebe zölibatär, alles andere ist egal, aber ich bin schwul." Davon war der Bischof nicht begeistert. Das ist diese Bigotterie der Kirche, die mich furchtbar ärgert. Und kurze Zeit später passierte es: Ich verliebte mich wieder. In einen schönen Organisten, den ich in Bremen traf. Da wurde mir klar, mir ist der Preis zu hoch, für immer enthaltsam zu leben. Ich ging zum Bischof und beendete mein Priesterleben. Von da an war ich offen schwul, hatte lockere Partnerschaften und Affären.

Wegen meiner zweiten Herzmuskel-Entzündung ging ich nach Berlin zur Behandlung – und alles veränderte sich noch mehr. Ich verliebte mich in einen jungen Griechen und entdeckte meine mütterliche Seite, unterstützt von einem Testosteron-Hemmer, den ich damals wegen meiner Krankheit nahm. Als mir eine Freundin eine Frauenperücke schenkte und ich sie anzog, merkte ich zum ersten Mal: Das fühlt sich hundertmal besser an. Seitdem lebe ich transident als Mona Lisa von Allenstein: Ich bin ein Mann mit Sexualorganen, aber empfinde als Frau, schminke mich, lackiere mir die Nägel, trage Ohrringe und feminine Kleidung. Mir geht es nicht so sehr um harten Sex, sondern um Kuscheln, Nähe und Zärtlichkeit.

Ich bereue weder den Schritt zum Priester noch den Schritt wieder raus, das war ein wichtiger Lernprozess. Meine Botschaft lautet, vor allem an junge Menschen: Was auch passiert, seid einfach ehrlich zu euch selbst, Gefühle muss man sich eingestehen.

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