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Die Geschichte der Türkei ist auch eine Putschgeschichte. Die Armee, die einst die Republik gegründete, hat nach der Regierung gegriffen, wann immer sie das System in Gefahr sah. Am bekanntesten sind die Umstürze von 1960, 1971 und 1980. Wie 1997 gab das Militär auch Memoranden aus, mit denen es Regierungen stürzte, ohne selbst die Macht zu ergreifen.

Im April 2007 trat ein Wandel ein. In der Nacht vor einer Parlamentsabstimmung über den Staatspräsidenten warnte das Militär die Regierung mit einem Internet-Statement. Entgegen der Gewohnheit wehrte sich die AKP, führte das Land im Juli in Neuwahlen, erhielt dabei 46,6 Prozent, und Abdullah Gül, der hatte verhindert werden sollen, wurde Staatspräsident.

Die Macht des Militärs war gebrochen. Erdoğan setzte zum Gegenputsch an. 2010 leitete er eine große Säuberung in der Armee in die Wege. Hunderte Generäle und Offiziere wurden anhand falscher Beweise mit dem Vorwurf, einen Putsch gegen die AKP geplant zu haben, verhaftet. Erdoğan glaubte, dank seines Regierungspartners Fethullah Gülen den Widerstand der Armee überwunden zu haben, doch im Endeffekt stand er nach seinem Zerwürfnis mit Gülen am 15. Juli 2016 erneut der Armee gegenüber. Um Haaresbreite entging er dem Putschversuch und entfernte im Gegenputsch nun die "gülenistischen Offiziere". Fast die Hälfte der Generäle wurde entlassen, das militärische Personal um ein Drittel reduziert.

Seither gelten die Streitkräfte, die türkische Institution, die in der Türkei am meisten Vertrauen genießt, als "Erdoğans Armee". Sie büßten Macht und Ansehen ein. Als der Befehlshaber der 2. Armee Erdoğan letzte Woche zum Fastenbrechen applaudierte, flammte die Diskussion wieder auf. CHP-Präsidentschaftskandidat Muharrem İnce erklärte, im Falle seines Wahlsiegs werde er diesem General die Epauletten abnehmen.

Fraglos steht nach Erdoğan erneut eine Säuberung an. Fraglich aber ist, was aus der geschrumpften türkischen Armee wird.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe