In den achtziger Jahren beginnt die Herrschaft der polnischen KP zu bröckeln. Noch kann ein Abgesandter der Partei einer Schulleiterin und ihren Kollegen Angst einflößen. Aber dass währenddessen die Reifen seines Autos zerstochen werden, das regt ihn schon nicht mehr auf, das kennt er. So ist es auch in Hektary, einem Dorf in der polnischen Woiwodschaft Schlesien. Es ist eine arme Gegend, die Leute kochen noch auf dem Kohlenherd, die Matratzen werden mit Stroh ausgestopft, die Stromversorgung kennt "Pausen", das wird "die 10. Stufe der Energieversorgung" genannt. Der Fortschritt lässt auf sich warten.

Hier wächst Wioletta auf, die Hauptperson und Ich-Erzählerin von Wioletta Gregs Buch Unreife Früchte. Sie ist eine kluge, fantasiebegabte Person, die Familie alles andere als alltäglich. Ihr Tauftuch hing zwei Jahre am Fensterkreuz, sie hätte es gerne für ihr Puppenbett verwendet, aber das wurde ihr verboten. "Wir nehmen es ab, wenn Papa kommt", erklärte die Mutter; der war Wochen vor der Geburt seiner Tochter wegen Fahnenflucht verhaftet und verurteilt worden. Zeit vergeht. Doch dann, das Taufdeckchen ist schon ausgebleicht, "kam ein hagerer Mann mit gelocktem Haar und einem kleinen Schnurrbart zu uns ins Haus. Als er mich sah, weinte er den ganzen Tag, und er beruhigte sich erst wieder, als Polen in der Fußball-Weltmeisterschaft zu spielen begann."

Die Geschichte hat etwas Trauriges, etwas Tröstliches und natürlich etwas Komisches, doch nichts Lächerliches. Wenn die Erschütterung des Vaters beim Anblick seiner Tochter sich erst mit der polnischen Nationalmannschaft beruhigt, so ist das für Wioletta nichts Besonderes und schon gar nichts, was gegen die Ernsthaftigkeit der väterlichen Gefühle spräche. Ihr Erleben entfaltet sich nicht als ein großer Zusammenhang, es besteht aus kurzen, starken Bildern. So sind die Kapitel knapp, meist nicht mehr als vier, fünf Seiten lang, und doch nicht allein einer Szene gewidmet; ständig springt dem Mädchen ein neuer Eindruck in den Sinn.

Die Kindheit ist unsere Genieepoche. Alles ist unbekannt, groß, rückt nahe, stellt Fragen; es trifft uns unvermittelt. Dem Erwachsenen begegnet eine erkaltete Welt, er kennt sie oder glaubt sie zu kennen, und ist es einmal anders, so steht ein Begriffsapparat bereit, das Ungewohnte einzuordnen, zu vergleichen und ruhigzustellen. Deswegen haben Autobiografien und autobiografisch angelegte Romane ihre stärksten Momente oft in den ersten Kapiteln. Auch Wiolettas Welt ist auf diese Weise belebt. Das räudige Lama auf der Kirmes, die Ente, die ihre Küken im Hausflur ausführt, der geliebte Kater Blacky, der kleine Zoo, den der Vater hinter dem Haus anlegt, sie haben darin ihre Kraft: Das Tier ist das unbegriffliche Wesen, reine Gegenwart.

Und die Erwachsenen sind noch nicht langweilig. Herr Tadek mit seinem Kirchendienergesicht, der behauptet, einst ein europaweit bekannter Taschendieb gewesen zu sein, Natka aus dem Nachtklub Pawian (im Keller des Waldamphitheaters!), von der jeder weiß, was sie für "ein Früchtchen" ist, sie sind Versprechen auf ein aufregendes Leben, nicht die abgehaspelten Nummern, als die sie den Eltern erscheinen.

Wioletta Greg und ihre Übersetzerin Renate Schmidgall finden dafür einen schlechthin bewunderungswürdigen Ton. Sie haben eine Sprache für das Empfinden des Kindes, ohne in Slang zu verfallen oder niedlich zu werden. Diese Sprache ist einfach, nicht fachmännisch und immer genau. Nichts ist schwerer als die Naivität zweiten Grades; hier hat der Leser den Eindruck, es geschehe wie von selbst.

Das hat auch mit der Position der Erzählerin zu tun. Sie redet (wenn auch im Präteritum) aus dem Erleben heraus, nicht als eine Erwachsene, die sich erinnert. Und natürlich geht es um Sex. Wiolka wird bedrängt, von einem alten Arzt, von einem "Junggesellen" bei einer Hochzeitsfeier, von Natka, dem Früchtchen aus dem Pawian, alles sehr unbehaglich bis schrecklich; bis es dann doch passiert, nachdem sie und der "Ältere Lajbos" – sie gehören zu einem Trupp, der für die Schule Altmetall sammelt – am Klebstoff geschnüffelt haben. Ohne erkennbaren sprachlichen Aufwand, besonderen Glanz des Vokabulars oder Raffinesse der Syntax, sanft und ernsthaft und auch ein bisschen komisch macht Wioletta, den Finger des Älteren Lajbos in sich spürend, Bekanntschaft mit sich selbst: "Ich schaute in den Himmel. Die Deichsel des Großen Wagens pulsierte in metallischem Glanz im größten Schrottplatz des Alls."

Mit so schlichten Mitteln fein und biegsam sich auszudrücken, das gelingt, weil die Erzählerin ihre Gefühle nicht ausbreitet. Das Verhältnis zum Vater muss ungewöhnlich gut gewesen sein, wie seine Tochter war er eine künstlerische Natur. "Seltsam, das Leben (...). Kaum habe ich mich in der Welt umgesehen, da nennen mich die Leute schon einen alten Mann, dabei bin ich innen noch wie ein unreifer Apfel." Und dann, wenig später, "war der fünfzigjährige Junge tot". Er war das Schönste, was einer sein kann: ein Erwachsener und zugleich ein Kind. Und mit diesem Ineinander ist auch bezeichnet, was Wioletta Gregs Unreife Früchte ausmacht.

Wioletta Greg: "Unreife Früchte". Roman; aus dem Polnischen von Renate Schmidgall; C. H. Beck, München 2018; 143 S., 18,95 €, als E-Book 14,99 €.