Sehr geehrte Reisende, bitte steigen Sie nicht in Wagen 406 ein. Dieser ist aufgrund einer ausgefallenen Klimaanlage heute nicht benutzbar. Ich wiederhole: Sehr geehrte Fahrgäste ...!" Dem Rest der Durchsage folgte ich schon nicht mehr, denn die umsitzenden Mitreisenden lachten bereits und begannen freundlich miteinander über die Deutsche Bahn zu lästern. Kein Wunder, hatten wir doch das Glück, im Wagen 405 gelandet zu sein, wo die Klimaanlage funktionierte und die Stimmung wohltemperiert war. Eine alles verlangsamende Mittagsschwere hatte sich über den heißen Frühsommersonntag gelegt, der draußen vor dem Fenster vorbeizog, im Waggon-Inneren plauderten sogar Fremde miteinander, es wurde verliebt in Handys geflötet, dem Hunger nachgegeben, der einen unmittelbar nach einem Reiseantritt zu befallen pflegt, und ein schlaksiger junger Mann erklärte der neben ihm sitzenden älteren Dame, die sich ein iPad zur Unterhaltung mitgebracht hatte, warum sie nicht während der gesamten Reisestrecke auf Empfang hoffen dürfe.

Als wir in Erfurt ankamen, stieg mit uns eine dreiköpfige Familie aus, eine mitteljunge Frau, mittelblonder Pagenschnitt, einen Jungen im Grundschulalter an der Hand, ein dunkelhaariger Mann daneben. Ihn würde Alice Weidel wohl nur wegen seines Aussehens als "alimentierten Messermann" bezeichnen, wie sie es kürzlich im Bundestag ausdrückte.

Jedenfalls ließ mich die kleine Familie an eine Anekdote bei der Geburt meines eigenen Kindes vor etlichen Jahren denken. Frauen, die sich dazu entschieden haben, ihr Kind in einem Krankenhaus zu Welt zu bringen, werden sich an ähnliche Szenen erinnern können:

Es ist Usus, dass sich gerade niedergekommene Eltern in Kreißsälen nach getaner Arbeit noch ein bisschen allein mit dem Kinde vergnügen dürfen – ein intimes, unwiederbringliches Kennenlernründchen sozusagen.

So war es auch bei uns, damals an diesem freundlichen, kühlen Herbsttag im Kreißsaal eines Leipziger Krankenhauses. Wir waren also da, ganz froh, dass der schmerzhafte Zirkus des Gebärens vorbei war, und lauschten dennoch immer in den Kreißsaal nebenan, wo eine gerade noch Gebärende fortwährend rief: "Scheiße! Was ist das nur für eine Scheiße!"

Keine Frage: Mein Mitgefühl galt dieser Frau. Sie tat mir leid. Und man musste ihr lassen: Sie fasste das Prozedere treffend zusammen.

Nach zwei Stunden allerdings heißt es dann raus aus dem Kreißsaal. Man wird gefragt, ob man laufen kann, und wenn man dies bejaht, sagen sie einem: "Dann gehen Sie jetzt duschen. Wir zeigen Ihnen danach, wo Ihre Station ist!"

Auf Station war es kurz darauf auch ganz schön. Eine goldene Herbstsonne schien durchs Fenster, es gab eine Kartoffelsuppe, bei der ich geneigt war, sie als die schmackhafteste Mahlzeit einzustufen, die ich je gegessen hatte, das Kind, in einer fahrbaren Schale schlafend, unmittelbar am Bett, die ersten Glückwunsch-SMS trafen ein, man machte wieder Witze, war irgendwie angenehm erschöpft. Ich hatte das ganze Glück der Welt im Zimmer.

Irgendwann öffnete sich die Tür, eine fremde Frau im Handtuchturban und Bademantel betrat das Zimmer und stellte sich – nicht sonderlich liebenswürdig, aber doch höflich – vor: die Frau aus dem Kreißsaal nebenan. Ehrlich: Nie zuvor hatte ich mich einem wildfremden Menschen im Bademantel vorgestellt. Und als die Frau anhub, ihren gerade frischgeborenen Sohn als Justin-Kemal vorzustellen, begann ich zu ahnen, dass die kommenden 24 Stunden eine gewisse Brisanz mit sich bringen würden. Eine Brisanz, die ich keineswegs ungern habe.

Die kommenden Stunden zeigten: Meine neue Zimmernachbarin hatte nicht nur einen sehr sächsischen Dialekt und fühlte sich offensichtlich um einiges geschwächter, als ich es tat. Sie sprach auch gern und erwies sich als äußerst hilfsbereite und freundliche Person.

Irgendwann traf auch der Vater von Justin-Kemal ein: ein junger Mann ganz offensichtlich ausländischer Herkunft, vielleicht muslimischen Glaubens, vielleicht Tunesier, vielleicht aus Marokko. Er haderte noch ein bisschen mit der deutschen Sprache, wirkte beseelt von den Vaterfreuden, aber etwas unsicher und fahrig in seinem Habitus. Immer wieder schaute er nervösen Blickes auf die Uhr. Das blieb natürlich auch seiner Freundin nicht verborgen: "Was guckst ’n ständig auf die Uhr?" Er antwortete etwas unbestimmt, er habe noch zu tun, und verschwand bald darauf. Ich gebe zu: Ich dachte nichts Gutes darüber.

Nach zwei Stunden jedoch war er wieder da: Mit einem Festmahl für seine Frau, das sich sehen lassen konnte – türkischer Honig inklusive. Dann trat er an mein Bett und streckte mir etwas unbeholfen eine riesige Packung Kinderschokolade entgegen, die mit einem Geschenkband zusammengehalten war: "Für Sie!"

Immer wieder fällt mir diese Geschichte ein. Hier auf dem Bahnsteig, immer dann, wenn ich Paare unterschiedlicher Herkunft sehe. Ich mag diese Geschichte, weil sie alle Ambivalenz menschlicher Allianzen zeigt, mancher Konvention die Luft nimmt. Daran erinnert, dass Menschen nicht kategorisierbar, nicht von Gesetzen zu erschlagen, nicht von Grenzen zu beeindrucken sind.

Und dass man sich bei aller gebotenen Vorsicht gegen freundliche Überraschungen im Leben nicht impfen lassen kann.