Als der junge Komponist Peter Ruzicka 1970 nach Paris reiste und Paul Celan vorschlug, ihn zum Helden einer Oper zu machen, soll der Dichter vor Schreck verstummt sein. Man stelle sich vor, wie entsetzt Walter Benjamin reagiert hätte: ein Philosoph als große Persönlichkeit im Musiktheater? Für Benjamin, der 1940 auf der Flucht vor den Schergen Hitlers im spanischen Grenzort Port Bou sein Leben auslöschte, war die "Persönlichkeit" eine Erfindung der Bourgeoisie. Die Persönlichkeit eines Philosophen ist unwichtig, sie verschwindet spurlos in seinen Gedanken, im Monument der Schrift. Und überhaupt, die Musik: Sie lügt, hätte Benjamin sagen können, denn sie taucht die Welt in eine skandalöse Schönheit. In Wahrheit ist sie das stumme Grauen. "Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein."

Peter Ruzicka hat es dennoch getan, er hat – nach Hölderlin und Paul Celan – über Walter Benjamin eine Oper komponiert. Das ist nicht nur extrem riskant, es ist eine Anmaßung. Benjamins Werk liegt unter einem Berg von Rezeptionskitsch begraben, und im 20. Jahrhundert gibt es kaum einen Philosophen, der so suggestiv unzugänglich, in so uneinnehmbaren Rätselbildern gedacht und geschrieben hat wie er.

Benjamin war fasziniert von der Gestalt des Bucklicht Männlein, dem Lebensbeobachter aus der Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn. Eines Tages, so schrieb er, wenn die Bilder des Lebens vor dem Blick der Sterbenden vorbeizögen, dann "setzten sie sich aus solchen Bildern zusammen, wie sie das Männlein von uns hat". Genau so muss man sich die Aufführung der Hamburger Staatsoper vorstellen. Die Librettistin Yona Kim, die auch Regie führt, lässt sein Leben in sieben Stationen vorüberziehen, Zeit und Raum, Traum und Wirklichkeit verschlingen sich. Zunächst sieht man Benjamin (Dietrich Henschel) im Wald von Port Bou, dann verwandelt sich die Szene zurück in einen Warteraum. Geflüchtete stellen ihre Koffer am Bühnenrand auf, einen nach dem anderen, wie an einer Rampe, in der Mitte Benjamin, ein Inbild der Verlassenheit. Die Regie stellt ihm einen Doppelgänger zur Seite, mitunter ringt er mit seinem Alter Ego (Günter Schaupp). Wohin nur gehen? "Die Amerikaner werden mich als letzten Europäer durchs Land karren und ausstellen." Sein Freund Gershom Scholem (Tigran Martirossian) drängt ihn zur Flucht nach Palästina, Hannah Arendt (Dorottya Láng) redet ihm ins Gewissen, das nächste Schiff nach New York zu nehmen. Jetzt oder nie.

Dann erneut eine Rückblende, Benjamin trifft auf Capri die Schauspielerin Asja Lācis, eine glamouröse bolschewistische Prinzessin im knallroten Glitzerkleid. Er verfällt ihr, doch der politischen Erotik ihrer kommunistischen Arien kann Benjamin wenig abgewinnen, und seine Vorahnungen trügen ihn nicht. Stalin und Hitler schließen einen faustischen Pakt, nun kann der Faschismus wüten, wie er will. Asja Lācis (Lini Gong) zerreißt es, der Wahn kommt über sie, nur Benjamin wirkt seltsam unberührt, denn die Weltgeschichte ist nun jene Sonnenfinsternis, die sie schon immer war. Und er selbst ist der "Knabe, der auszog, das Grauen zu lernen".

Zwischendurch kreuzt Bertolt Brecht (Andreas Conrad) auf, ein eitler Gockel und brutal klarer Realist. Asja Lacis himmelt den Heldentenor an, Benjamin steht nun abseits. Der Marxismus, sagt er, bleibe klein und hässlich, wenn er auf dem Schachbrett der Geschichte sich nicht mit der Theologie verbünde. Nein, ruft Brecht, Kunst ist Kampf. "Weg mit der alten Mystik!"

Die Aufführung liefert einige rätselhafte surrealistische Bilder (Bühne: Heike Scheele), doch sie treffen präzise Benjamins Denken. Im Traumstoff der Kindheit steckte für ihn ein Glücksverlangen, das der Philosoph entziffern wollte wie einen rechtmäßigen realistischen Traum. Dieses Verlangen konfrontiert Yona Kim mit dem Besserwissen der vornehmen Fatalisten und gnadenlos Abgebrühten, repräsentiert durch den Chor der Staatsoper. Der Chor hält es mit den stärkeren Bataillonen, er predigt den verachteten "bürgerlichen Historismus" – die Geschichte ist ein ewiger Fluss, es gibt darin kein Glück. Was immer geschieht: Das Leben geht weiter.

Nichts empörte Benjamin mehr als dieser Schicksalsglaube, die Einfühlung in die Sieger, und der Komponist Peter Ruzicka, der auch das Staatsoper-Orchester dirigiert, steht ihm zur Seite. Seine Klangfiguren, die schroffen Streicherlinien und gleißenden Trompetensoli, beschönigen nichts, sie sind hart, schneidend, verletzend – so intensiv körperlich, als seien sie jener Sturm, der bei Benjamin aus der Geschichte weht und "Trümmer auf Trümmer häuft". In einem berührenden Auftritt singen die Hamburger Alsterspatzen, geisterhaft wispernd, vom Bucklicht Männlein, und dann kippt die Szene: Die Kinder tragen nun lange schwarze Uniformen. Kein mythisches Schicksal hat das angeordnet, es waren die Braunhemden, die über die Bühne huschen. Erst waren sie nur ein Vogelschiss auf der Weltkarte, jetzt organisieren sie den Judenmord.

"Das Messer des Fleischers wäre eine Erlösung", singt Benjamin am oratorienhaften Schluss einer starken Aufführung mit großartigen Sängern. Dann splittern die Sätze und Melodien, eine Handvoll Gleichgültiger starrt auf den toten Benjamin. Ein paar Erinnerungsstücke aus seiner Berliner Kindheit drapieren die Szene, ein Junge – der kleine Benjamin? – hüpft über die Grabbeigaben hinweg. Das ist kitschig, denn es übermalt den Tod des Philosophen mit seiner mystischen Hoffnung auf Rettung. "Nur um der Hoffnungslosen ist uns die Hoffnung gegeben." Doch der Tote ist tot. Er ist auch nicht an seiner Zerrissenheit gescheitert, er wurde von Faschisten gejagt, weil sie ihm, dem Juden, das Recht absprachen, auf dieser Erde zu wohnen – genauso wie Millionen Namenlosen, Vergessenen, Ungenannten. Das ist die Grenze jeder Oper, und Benjamin wusste es. "Es ist schwerer, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten."

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