Die schärfsten Kritiker meinen, das Trainerteam um Joachim Löw praktiziere mit seinen Kandidaten so etwas wie Menschenversuche. Es lässt die Fußballspieler an einer WM-Teilnahme schnuppern wie Testaffen an Autoabgasen. Dabei konfrontierte der Bundestrainer die sogenannten Streichkandidaten seines vorläufigen Kaders mit einem öffentlichen Druck, wie man ihn sonst von den Talentschau des Privatfernsehens kennt. Nicht umsonst wird die Ausscheidung während des Trainingslagers vom Boulevard gern Casting genannt. Allerdings droht den DFB-Models in der Regel keine Magersucht.

Ein Mann für drei Wochen war der Freiburger Stürmer Nils Petersen, 29, er war Löws Überraschungskandidat. Der Bundestrainer lobte seine Auffassungsgabe und begründete die vorläufige Berufung mit Petersens Fähigkeit, mit wenigen Torchancen auszukommen, auch als Einwechselspieler. Diese Fähigkeiten hat er immer noch.

Nach einer Woche Trainingslager sagte der Bundestrainer über den Freiburger: "Ich bin absolut zufrieden mit ihm. Mein Eindruck wurde in den letzten Tagen immer besser. Er hat sich jeden Tag entwickelt." Das war am Freitag. Drei Tage später rief er ihn auf dem Zimmer an, er wolle mit ihm reden. Nils Petersen ahnte, was es zu bedeuten hatte. Er würde heimgeschickt werden.

"Wir nehmen es sportlich", sagt Andreas Petersen, 57, der Vater. Er hat aus dem Andalusien-Urlaub mit dem Sohn telefoniert. Nils sei traurig, klar, aber er wolle dranbleiben. Löw habe ihm Hoffnung gemacht, nach der WM weiter zum Kreis der Nationalmannschaft zu gehören. Aber wird er mit Blick auf die kommende Europameisterschaft wirklich auf einen dann 31-jährigen Stürmer setzen?

Nils Petersen hat gesagt, er wolle nicht wütend oder frustriert sein. Dennoch bleibt ein Gefühl der Leere. War er nur Sparringspartner im Training? Eine Art Back-up für den Fall, dass sich einer der Etablierten aus dem Angriff verletzten würde?

Natürlich bieten sogenannte erweiterte Kader, mit denen man bis zum Nominierungsschluss das Trainingslager bestreitet, für die Trainerteams Vorteile. Sobald sich ein Kandidat verletzt oder irgendwie danebenbenimmt, hat man genügend Spielermaterial in Reserve – Topleute, die sich dann schon auf das geforderte Turnierniveau hochtrainiert und in taktischen Einheiten das Spielsystem verinnerlicht haben. So wurde vor Beginn der WM 2014 in Brasilien der Abwehrmann Shkodran Mustafi, der aussortiert worden war, nach Marco Reus’ Verletzung wieder in die Mannschaft geholt.

Der Fußballspieler Nils Petersen war 14 Jahre, da fragte sein Trainer bei Germania Halberstadt einmal in die Runde, wer von den Etablierten freiwillig eine Ligapartie aussetzen würde. Die Eltern einiger Kameraden hatten sich beschwert, dass ihre Söhne selten zum Zuge kämen, sie sollten auch mal mitspielen. Petersen meldete sich.

War das ein frühes Zeichen für mangelnden Ehrgeiz? Fehlenden Biss? Sein Vater Andreas, langjähriger Trainer und jetzt sportlicher Leiter bei ebendiesem Verein aus Halberstadt in Sachsen-Anhalt, denkt zunächst an die Teamfähigkeit seines Sohnes, als er die Geschichte erzählt. Aber er erzählt sie so, als wäre der Junge verrückt. Freiwillig zugucken. "Das Wohlbefinden" im Mannschaftskreis sei dem heranwachsenden Nils wichtiger gewesen als irgendeine Torquote. Weil er von vielen gemocht werden wollte.

Vater Petersen sitzt im Wintergarten des Doppelhausanwesens, das er mit seiner Frau und den Schwiegereltern in Wernigerode-Silstedt bewohnt. An der Wand hängen gerahmte Fußballtrikots von den Profistationen des Sohnes, der gerade erstmals in die Nationalmannschaft berufen wurde. Andreas Petersen hat den Jungen die ganze Karriere hindurch ermuntert, lauter zu sein, die Ellbogen einzusetzen. Einmal sagt er an diesem Maisonntag im Harz, um später mal Trainer zu werden wie er, sei sein Filius "menschlich zu weich".