Sie kennen das, oder? Man sieht selbst enge Freunde nur noch einmal im Monat, sogar mit den besten muss man Termine ausmachen. Dauernd reserviert man Räume im Leben anderer und landet auf Wartelisten für soziale Begegnungen. Wir hetzen durch ein korsettiertes Dasein und kommen nirgendwo mehr an, weil wir sofort wieder aufbrechen müssen. Jede frei werdende Einheit wird sogleich mit neuen Tätigkeiten belegt. Die meisten von uns versuchen, mindestens zwei Leben in ihre eine Biografie zu packen: aus Furcht, das Entscheidende zu verpassen, obwohl wir nicht einmal wissen, was genau das Entscheidende ist. Während wir glauben, unsere Lebenswelt aktiv zu gestalten, gestalten deren Umstände unser Verhalten. In den vergangenen 40 Jahren hat sich das Lebenstempo gefühlt und geschätzt ebenso verdoppelt wie nachweislich die Produktivitätsrate.

Und auch das kennen Sie, nicht wahr? Zeitnot, Zeitdruck, Zeitmangel befördern Erschöpfung, Leerlauf und eine wachsende Sehnsucht nach Entspannung. Egal, wo ich mich umhöre, höre ich das gleiche Lamento: zu viel Arbeit, zu hohe Belastung, empfundene Überforderung. Und wozu das alles? Um morgens aufzustehen und den Tag über Geld zu verdienen, das einem nachts in viel zu teuren Wohnungen zu schlafen ermöglicht. Zeit und Geld sind die großen Konkurrenten im Kampf um das gute Leben.

Ein Bekannter zum Beispiel, Bereichsleiter eines Versicherungsunternehmens, hat alle zwei Jahre die Controller zu Gast. Alle zwei Jahre heißt das: maximal möglicher Personalabbau, um Gewinne zu maximieren. Täglich muss er Mitarbeiter überwachen, Mitbewerber schwächen, deren Mitarbeiter abwerben, um Marktanteile zu sichern. 130 Prozent Leistung, Wochenendarbeit, ständige Erreichbarkeit. Herzrasen. Ein anderer, Arzt in einem Klinikum, operiert am Ende der üblichen 16-Stunden-Schicht mit zittrigen Händen.

Das Gefühl, einer permanenten Steigerungslogik ausgesetzt zu sein, keine Ziellinie zu sehen, sondern immerzu gerade eben dem Abgrund entronnen zu sein und stets schneller, besser und weiter laufen zu müssen, um nicht "freigesetzt" zu werden, wie der Soziologe Hartmut Rosa kritisiert – ist das die große Freiheit, von der wir immer hörten?

Bei allem Stolz auf Rekorde bei Steuereinnahmen, Arbeitslosigkeitsabbau und Wachstumssteigerungsraten – wir alle wissen um die Folgen von Zeit- und Arbeitszeitverdichtung: negativer Stress, Burn-out, Depression, Panikattacken, Angstzustände, Herzinfarkt. Die verschriebene Menge Antidepressiva hat sich einer Studie der Techniker Krankenkasse zufolge in den vergangenen zehn Jahren mindestens verdoppelt, ähnliche Werte dürfte es bei Beruhigungsmitteln und Muntermachern geben.

Nicht Geld sollte die Grundlage des guten Lebens sein. Zeit muss stattdessen zum Statussymbol werden.

Nichts gegen Leistung, Effizienz und harte Arbeit – gute Sache. Wer kann und will, soll von mir aus täglich 16 Stunden ran und Millionen verdienen, wenn er innovativ, überzeugend, emsig ist. Die meisten aber sind es nicht, schaffen es nicht, wollen es auch gar nicht. Die, die Arbeit haben, rödeln sich in Grund und Boden, haben keine Zeit für sich und die Familie; und jene, die keine Arbeit haben, haben zu viel Zeit und fühlen sich nutzlos, austauschbar, überflüssig.

Sagen wir es so: Die Kultur des Kapitalismus organisiert sich primär über fremdverfügte Zeit. Dass Zeit Geld kostet, wissen wir. Aber wie viel Zeit kostet uns das Geld?

Was wir brauchen, ist eine neue Währung für Wohlstand. Nicht Güter oder Waren, nicht Geld oder Aktien sollten die Grundlage des guten Lebens sein, sondern: Zeit. Stellen Sie sich vor, ich stehe auf einer Party neben Ihnen und frage Sie: Wie viel Zeit verdienen Sie im Jahr? Wie, was, stammeln Sie, Zeit verdienen? Ja, sage ich, Zeit muss zu einem Statussymbol werden. Wenn es gut läuft, denken Sie: Ach, ein Utopist!

Von mir aus. Ich plädiere für Zeitwohlstand, weil Zeitwohlstand Selbstbestimmung bedeutet. Mehr Zeit statt mehr Geld heißt: Wertschöpfung statt Abschöpfung – ein streng sozialmarktwirtschaftlicher Gedanke im Übrigen. Seit Langem fordern nicht immer mit ausreichender Aufmerksamkeit bedachte Wissenschaftler eine geringere Wochenarbeitszeit. Mehr als 25 Stunden, lauten Erkenntnisse aus der Arbeitspsychologie, seien schlecht für das Gehirn. Der Mensch könne sich nur bis zu fünf Stunden konzentrieren und also nur fünf Stunden am Tag produktiv arbeiten. Vor einiger Zeit hat sogar der Rat der Wirtschaftsweisen eine Änderung des 8-Stunden-Schemas ins Gespräch gebracht (mit dem Ziel höherer Flexibilität natürlich), und manche Gewerkschaften streben mindestens so sehr Arbeitszeitreduzierung wie Lohnerhöhung an. Utopisch?