Könnte man sich einen Mitarbeiter malen, er sähe aus wie Memet Getim. Korrekt, fleißig, verlässlich. Er steht hinter seinem Schreibtisch, neben sich ein Flipchart, Bosch-Werk Stuttgart-Feuerbach. Getim erklärt, wie sein Aufstieg möglich war, vom ungelernten Produktionsmitarbeiter zum Verantwortlichen für 130 Angestellte. Er spricht freundliches Hochschwäbisch, ein bisschen wie Cem Özdemir.

Vor seinem Büro rattern die Maschinen, Abteilung Abgassensorik. Wie hat er es geschafft? "Du musst wollen, du musst können, dann darfst du auch." Getim hat ein paar biografische Daten auf das Flipchart geschrieben, denn: "Vorbereitung ist alles". Geboren 1967 in Griechenland, als Teil der türkischen Minderheit. Seit 1974 in Deutschland. Die Eltern Gastarbeiter. Die Mutter roch nach Motorenöl, wenn sie aus der Fabrik kam. Es war die Zeit, als es in Fabriken noch stank.

1985 begann Getims Karriere bei Bosch, seine Voraussetzungen waren nicht die besten: Hauptschulabschluss, abgebrochene Lehre zum Kaufmann. Doch man schenkte ihm Vertrauen. Und er zahlte es zurück, kletterte beharrlich die Leiter hinauf: Facharbeiter, Gruppenführer, Teamleiter, Meisterstellvertreter, Meister, Meister mit Sonderaufgaben. Vor seinem ersten Auslandseinsatz in Tschechien kaufte sich Getim ein Wörterbuch. Vor seinem zweiten Auslandseinsatz in Japan lernte er, wie man sich dort begrüßt (mit leichter Verbeugung). "Es wichtig, sich zu öffnen und an die Kultur anzupassen", sagt Getim.

Es klopft an die Glastür seines Büros: Ein Kollege bringt zwei Lambdasonden. Getim lobt: Sehr gut, sehr schön. Von jedem Mitarbeiter kennt er den Geburtstag. "Ein guter Vorgesetzter fordert und fördert." Und: "Wer will, kann unabhängig von seiner Herkunft alles erreichen bei Bosch." Ein Kollege ist manchmal schon eine Stunde vor Schichtbeginn da. Den fragt Getim: Mustafa, warum bist du da? Und er antwortet: Es hätte ja Stau sein können. Getim spricht Türkisch, Griechisch, etwas Italienisch, aber bei der Arbeit nur Deutsch – damit sich keiner ausgeschlossen fühlt. Bei Bosch ist man stolz auf Mitarbeiter wie ihn. Er verkörpert den schwäbischen Traum: Aufstieg und Wohlstand durch Fleiß. Vielleicht gelingt deshalb Integration in Stuttgart besser als anderswo. Schon 1966 gab es bei Bosch 7.000 Gastarbeiter. Heute arbeiten im Werk Feuerbach Leute aus 72 Nationen. Zum Abschied überreicht Getim dem Besucher eine silbern gerahmte Collage mit einem Schriftzug: "Vielfalt ist unser Vorteil".

Die Bundesrepublik ist ein Einwanderungsland – aber sie wollte nie so bezeichnet werden. Die "Gastarbeiter" sollten nicht bleiben und hatten es meist auch nicht vor. Die Union wollte nicht von Einwanderung reden, und die SPD nicht von Einwandererproblemen. Deutschkurse wären der Union wie ein Signal zum Bleiben vorgekommen, bei den Linken galten sie als "Zwangsgermanisierung". Religion spielte noch keine Rolle. Zu "Muslimen" wurden die Gastarbeiter erst in den späten Neunzigern und nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Bis dahin wurde Einwanderung unter "Wirtschaft" abgehakt, nicht unter "Kultur". Irgendwann blickten die Einwanderer neidisch auf die USA und das dort herrschende ius soli: Wer auf amerikanischem Boden geboren ist, ist automatisch Amerikaner! Die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder schaffte immerhin das deutsche ius sanguinis, die Abstammungsregel, ab und erleichterte so den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft. Doch Einwanderung blieb ein Problem. Der Soziologe Ruud Koopmans nennt als Hindernis ausgerechnet den Sozialstaat: je leichter der Zugang zu Sozialleistungen, desto schwerer die Integration.

Du musst wollen, du musst können, dann darfst du auch.
Memet Getim, Meister bei Bosch

Was den Deutschen dennoch gelingt, das verdanken sie Zuwanderern wie Memet Getim und Einheimischen wie Olaf Schäfer. Gäbe es Pluspunkte für multikulturelles Leben, Olaf Schäfer wäre Sieger. Der 54-Jährige – er bezeichnet sich gern als Deutscher mit hessischem Migrationshintergrund – spricht nicht nur Türkisch, Griechisch, Englisch, er singt auch Lieder in diesen Sprachen, begleitet sich dazu auf Instrumenten wie Klavier, Gitarre, Bouzouki oder der türkischen Langhalslaute Bağlama. Im Hauptberuf ist der Liedermacher ein Lehrer für das Fach "Lebenskunde", das vom Humanistischen Verband bislang nur in Berlin und Brandenburg angeboten wird – für Kinder, die nicht am christlichen Religionsunterricht teilnehmen.

Seine Schüler sind Atheisten, aber auch Muslime. Jetzt im Fastenmonat Ramadan fragen ihn seine Schüler in Neukölln, ob er auch faste. In Marzahn hingegen weiß kaum ein Schüler, was Ramadan überhaupt ist. Die Konsuminteressen der Jugendlichen ähneln sich: Markenklamotten, Fernsehserien, Social Media. Beim Musikgeschmack beobachtet Schäfer jedoch einen Unterschied: in Neukölln Gangster-Rap und Hip-Hop, in Marzahn auch Helene Fischer. Man lebe in "getrennten Welten". Muslimische Eltern befürchteten eine "Entfremdung von der Herkunftskultur" und schickten ihre Kinder in die Moschee. Urdeutsche Familien dagegen hätten Angst vor "Überfremdung".

Was tun? Schäfer sagt, schon 1871 habe Berlin einmal eine Zuwanderungsexplosion erlebt, in den Arbeiterquartieren herrschten "chaotische Verhältnisse". Heute erkenne man die einst verpönten Hugenotten und Polen nur noch an ihren Namen: "de Maizière" zum Beispiel oder "Buschkowsky". Schäfers Traum ist, dass die Kulturen sich vermischen: "Vor fünfzig Jahren war die Pizza exotisch. Heute gibt es sie in jedem Supermarkt". Schäfer, der Optimist, hat aus erster Ehe mit einer Türkin eine 16-jährige Tochter, die er allein erzogen hat. Jetzt ist er mit einer Bosnierin verheiratet.

In Deutschland neigen wir dazu, kulturelle Unterschiede einzuebnen.
Yasemin El-Menouar, Programmleiterin bei Bertelsmann

Und was ist nun "Kultur"? Das Wort kommt vom lateinischen colere – pflegen, urbar machen – und markiert jenen historischen Augenblick, da die Menschen sesshaft werden, Wälder roden, Pflanzungen anlegen und feste Behausungen errichten. Damit entstehen lokale und regionale Kulturen. Sicherlich haben auch Nomaden eine Kultur, aber sie ist nicht so stabil wie bei jenen, die Ackerbau und Viehzucht am festen Ort betreiben.

Aus ihren Siedlungen werden Städte, und in den Städten spezialisieren sich Berufe. Es bildet sich das, was wir "Gesellschaft" nennen. Eigentum entsteht und bringt Hierarchien hervor: Herrschaft und Knechtschaft, Reichtum und Armut. Die sozialen Unterschiede sind drastischer als in den nomadischen Kulturen, wo auch Besitztum flüchtig ist. Von den Sesshaften werden Pyramiden errichtet, Tempel, Moscheen, Synagogen, Kathedralen, Paläste. Werke der bildenden Kunst, Musik und Literatur. Sie dienen dem Ruhm der Mächtigen und der Verherrlichung der Götter – oder des einzigen Gottes.