Unter den deutschen Autoherstellern herrscht nicht nur Rivalität, sondern auch Häme. In München, der Heimat von BMW, erzählen sie sich gerade, ihr berühmtes Gefängnis Stadelheim im Stadtteil Giesing heiße ab sofort Stadlerheim. Und kichern.

Gemeint ist Rupert Stadler, seit dem Jahr 2007 Chef von Audi und seit 2010 auch Vorstand im Volkswagenkonzern, zu dem Audi gehört. Ein wichtiger Mann im VW-Reich. Die Staatsanwaltschaft München II beschuldigt Stadler des Betrugs. Es geht um den Verkauf manipulierter Dieselautos auf dem europäischen Markt. Er soll, so die Annahme der Staatsanwaltschaft, davon gewusst haben. Am Montag ließ sie Stadlers Wohnung am Audi-Standort Ingolstadt durchsuchen.

Seit Monaten gilt Stadler als "walking dead", wie ein VW-Manager ihn nennt. Nun scheint der Untote kaum noch zu retten zu sein. Er wäre nach Martin Winterkorn der zweite Vorstandschef im Konzern, der seinen Posten wegen der Abgasaffäre verliert.

Am Montag nächster Woche tagt der Volkswagen-Aufsichtsrat. "Die Luft wird jetzt extrem dünn", heißt es aus Kreisen der Konzernspitze . Offiziell teilt Volkswagen mit: "Es gilt die Unschuldsvermutung."

Die gilt auch für einen ganz anderen Autoboss: Daimler-Chef Dieter Zetsche. Zweimal binnen zwei Wochen musste er zum Rapport beim Bundesverkehrsminister in Berlin. Und zweimal ging es nicht gut aus. Der CSU-Politiker Andreas Scheuer geht deutlich rauer mit den Autochefs um als sein Vorgänger und setzt ihnen kurze Fristen zum Umlenken.

In mehr als einer Dreiviertelmillion Autos soll Daimler eine illegale Einrichtung verwendet haben, um Abgaswerte zu manipulieren. Nun ist der Konzern zum Umrüsten verdonnert. Doch "niemand weiß, ob das schon alles ist", heißt es im Ministerium. Daimler will gegen den Rückruf zwar Widerspruch einlegen, aber Zetsches Mantra: "Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert", wird in Berlin kaum mehr geglaubt.

Und BMW? Selbst der unbescholtenste Autokonzern in der Abgasaffäre kann nicht ganz sorgenfrei sein. Früh haben führende Manager dort intern vor den Tricks der Konkurrenz gewarnt und erklärt, ihr Unternehmen solle nicht mitziehen. Doch auch BMW-Fahrzeuge wurden offiziell untersucht, und im März ordnete das Kraftfahrt-Bundesamt einen Rückruf für mehr als 11.000 Fahrzeuge an. Der Hersteller sprach von einer irrtümlich aufgespielten Abgassoftware und gelobte Besserung.

In der Geschichte Deutschlands und seiner Autoindustrie bricht eine neue, kritische Phase an. Und die Frage ist, ob die Männer an der Spitze noch geeignet sind, sie zu bewältigen.

Selbst der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) kritisiert den Umgang der Automanager mit dem Abgasskandal scharf: "Wer Fehler gemacht hat, sollte sie benennen, sich entschuldigen", so Dieter Kempf. Er wolle "nicht verhehlen, dass ich mir nach dem Bekanntwerden der Gesetzesverstöße mehr als einmal ein anderes Verhalten gewünscht hätte". Der BDI-Chef auf Distanz zur deutschen Vorzeigebranche – das ist neu.

Winfried Kretschmann, der grüne Ministerpräsident in Stuttgart mit Hang zum Daimler-Konzern, will da nicht zurückstehen: "Ich kann die Automobilindustrie nur eindringlich auffordern, mit diesen Praktiken radikal zu brechen. Verbraucher haben den Anspruch darauf, dass das, was auf dem Papier steht, auch in der Praxis funktioniert."