Jürgen Mischke ist ein zurückhaltender Mann, der sich Zeit für ausführliche Antworten nimmt. Doch geht es um seine akademische Karriere, gibt es für ihn kein Larifari, sondern nur: vorwärts. Seine Doktorarbeit über die Entstehung von Familiennamen im Raum Basel schrieb der Sprachwissenschaftler in lediglich zweieinhalb Jahren; in einem Fach, in dem viele Wissenschaftler gern einmal doppelt so lange an ihrer Dissertation rumdoktern. Er erhielt dafür ein summa cum laude, die Höchstnote. Danach leitete er ein Forschungsprojekt an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel.

Ein eigener Lehrstuhl, eine eigene Professur – nicht einmal in die Nähe davon kam Mischke. Trotz seiner wissenschaftlichen Erfolge. Und als klar wurde, dass er die Akademie würde verlassen müssen, fand er, der Hochqualifizierte, erst nach 80 Bewerbungsschreiben eine passende Stelle.

Heute arbeitet der 35-Jährige in der Gemeindeverwaltung von Birsfelden im Kanton Baselland.

Nur zehn Prozent werden eigenen Lehrstuhl haben

An Schweizer Universitäten arbeiten zurzeit 20.000 junge Menschen an ihren Doktorarbeiten. Einen eigenen Lehrstuhl werden dereinst aber höchstens zehn Prozent von ihnen haben. Alle anderen müssen sich mit befristeten und meistens schlecht bezahlten Anstellungsverhältnissen zufriedengeben. Oder den akademischen Betrieb verlassen.

Besonders schwer ist dieser Wechsel in den freien Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler. In den Natur- und Technikwissenschaften forscht auch die Privatwirtschaft. Und um das tun zu können, braucht sie wissenschaftlich erfahrenes Personal. Für Fächer wie Sprachwissenschaft hingegen interessiert sich außerhalb der Universitäten niemand. Entsprechend sind Akademiker aus solchen Disziplinen auf dem Arbeitsmarkt kaum gefragt.

"Die Arbeitswelt wartet nicht auf Geisteswissenschaftler. Das muss einem klar sein", sagt Mischke. Er sitzt in der Bar des Hotels Euler in Basel, sie ist menschenleer an diesem Freitagmorgen. Eigentlich müsste Mischke heute auf die Kinder aufpassen, aber das Thema, die verlorenen Akademikergenerationen, ist ihm wichtig: "Die Universität ist ein Staat im Staat, der nach ganz anderen Prinzipien funktioniert." Leistung werde mit Prestige honoriert: Wer gut ist, kann einen Aufsatz in einer angesehenen Zeitschrift publizieren oder bekommt Einsitz in ein wichtiges Gremium. Symbolischer Erfolg, der außerhalb der Universität nichts zählt und von dem man sich als Familienvater nichts kaufen kann. "Aber wenn man als junger Mensch in dieses System eintritt, ist es verlockend, nach dieser Art von Anerkennung zu streben", sagt Mischke. Dass die Universität nicht wie die Welt um sie herum funktioniert, gehe dann schnell vergessen. Umso böser das Erwachen, wenn die Zeit an der Universität vorbei ist und all das Prestige keinen Wert mehr hat.

Mit 40 endete die Karriere plötzlich

Doch nicht nur die geringe Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt stellt ambitionierte Geisteswissenschaftlerinnen und Sozialforscher, die voll auf die akademische Laufbahn gesetzt haben, bei der Jobsuche vor Probleme. Wer ernsthaft auf eine Professur hinarbeitet, durchläuft eine langwierige Qualifikationszeit. Eine Berufung ist in der Schweiz frühestens zehn, spätestens 15 Jahre nach Studienabschluss möglich. Je nachdem, wie lange das Grundstudium gedauert hat, sind die Wissenschaftler also über 40, bis sie wissen, ob ihre Karriereplanung aufgegangen ist – oder ob sie nochmals von vorn beginnen müssen.

Allzu lange dürfen aber auch Forscher nicht Erfahrungen sammeln. Denn auch die Universitäten bevorzugen heute junge Bewerber. Das musste Wolfgang Fuhrmann erfahren.

Fuhrmann hatte eine Assistenzprofessur an der University of British Columbia in Vancouver und war danach Oberassistent am Institut für Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Eine Oberassistenz ist die letzte Karrierestufe vor der Professur. Fuhrmann hätte also beste Chancen auf einen eigenen Lehrstuhl gehabt, wäre da nicht sein Alter gewesen: Er ist schon über fünfzig – und damit, zumindest im deutschsprachigen Raum, für einen Lehrstuhl zu alt.