Sie kommen im Laufe der europäischen Jahrhunderte hier und da vor, aber die Geschichte hat auffällig an ihnen gegeizt: Gelehrtenpaare, die eine neue Gedankenwelt auf dem Fundament ihrer individuellen Forschungen und doch im fortwährenden Gespräch entstehen ließen, sind eine kulturgeschichtliche Rarität. Im aufgeklärten 18. Jahrhundert finden sich Voltaire und die Physikerin Émilie du Châtelet, die fünfzehn Jahre lang im Schlösschen Cirey gemeinsam Newtons Weltbild philosophisch kommentierten und so die Grundlagen moderner Wissenschaft auf dem Kontinent verbreiteten. Oder um die Jahrhundertwende von 1900: das Ehepaar Curie, das in seinem Labor in der Pariser Rue Cuvier die Elemente Polonium und Radium entdeckte. Sonst überwiegt historisch, zumal in Deutschland, das Innovations-Muster Professor mit Assistentin, Genie samt Muse oder Gelehrter plus Familienmutter.

Den diesjährigen Friedenspreis gleich an zwei Menschen, nämlich an das seit Jahrzehnten verheiratete Gelehrtenpaar Aleida und Jan Assmann zu verleihen, Eltern von fünf gemeinsamen Kindern, ist daher auch als eine wohlbedachte symbolische Würdigung europäischer Werte zu verstehen, die in der Idee stark und in der Realität schwach sind: Dieses Paar verkörpert, gewiss preiswürdig, die gleichen Rechte der Geschlechter und den demokratischen Geist, die Grundlagenforschung im Gespräch der Disziplinen, das kritische Geschichtsbewusstsein und die politische Präsenz der Intellektuellen.

Doch nicht die Ehe als Geschichts-Werkstatt wird durch den Friedenspreis zu Recht geehrt, sondern ein Forschungs-Dialog zweier Kulturwissenschaftler, aus dem Ideen, Paradigmen entstanden, die weit über Deutschland hinaus die Kulturen der Erinnerung und dialogischen Verständigung angeregt haben. Aleida Assmann, geboren 1947, war Professorin für Anglistik in Konstanz, sie hat durch ihre Standardwerke Geschichtsvergessenheit (mit Ute Frevert) und Erinnerungsräume (beide 1999) erarbeitet, wie in der Bundesrepublik seit den achtziger Jahren eine "Erinnerungskultur" als Antwort auf den Holocaust entstand, in der sich das Land durch gemeinsame Formen des Gedenkens neu definierte. Wenn sie heute in ihrem jüngsten Buch für einen Gesellschaftsvertrag plädiert, in dem die Menschenrechte durch Menschenpflichten zu ergänzen wären, durch Empathie, Respekt und den Schutz von Schwachen, so ist diese Intervention – wider die rechtspopulistische Zerstörung der Geschichte – als Umwandlung der Erinnerungskultur in künftige politische Praktiken aufzufassen: in den Dialog als Weg der Deeskalation.

Jan Assmann seinerseits, geboren 1938, emeritierter Professor für Ägyptologie in Heidelberg, hat durch sein Werk Das kulturelle Gedächtnis (1992) an den frühen Hochkulturen gezeigt, dass gesellschaftliche Zugehörigkeit entsteht, indem Zeugnisse der Vergangenheit durch Rituale, Kommentare, Kritik fortgesetzt reflektiert werden. Seine Studien zur biblischen Religionsgründerfigur des Moses können als ein Beleg gelten, wie Assmann selbst auf seine Kritiker einzugehen vermag: Erkannte er im Monotheismus zunächst Ursachen für Gewalt, so betonte er später, dass die Kraft des jüdischen Gottesglaubens, politische Machtordnungen revolutionär infrage zu stellen, "unaufgebbar" sei. Der Stiftungsrat des Friedenspreises führt zur Begründung seiner Entscheidung an, das Forscherpaar inspiriere sich wechselseitig. Wechselseitig: ein Zauberwort, fürwahr, in den neuen Arenen des politischen Autismus.