"Stonehenge" im Bodensee

Drei Tage lang nahm der Geologe Jens Hornung den Bodensee unter Feuer. Seine Waffe, ein Eigenbau der Technischen Universität Darmstadt, sieht nach einer Kreuzung aus Kinderschlitten und Seifenkiste aus. Weniger nach wissenschaftlichem Präzisionsradar. Vom Forschungsschiff Kormoran über den Grund des Gewässers gezogen (und gesteuert per GPS), ballerte Hornung damit alle sechs Millimeter einen "Schuss" in den Untergrund. Mit 200 Megahertz jagten die hochfrequenten elektromagnetischen Impulse in die Tiefe und kamen zurück. Je nachdem, was für eine Schicht sie dort unten reflektiert hatte, lieferte ihr Echo ein anderes Stück Information. "Die Frage lautet, wann kommt welche Amplitude zurück?", sagt Hornung. In seinem Computer hat er die Daten seines Schnellfeuer-Radars zu einem bunten Bild zusammengerechnet. Und so lieferte der Geologe aus Darmstadt im April dieses Jahres den Anfang einer Lösung.

Das Werk von Pfahlbauern?

In einer Reihe: Die auffälligen Hügel verlaufen parallel zum Schweizer Ufer.

© ZEIT-Grafik

Das Rätsel dazu wurde 2015 entdeckt. Seither zerbrechen sich Archäologen, Geologen, Historiker und faszinierte Laien im Dreiländereck die Köpfe. Und die lokalen Medien spekulieren darüber, was sich unter dem Wasser befinden könnte. Etwa ein gigantisches, zehn Kilometer langes "Stonehenge im Bodensee"?

Losgetreten wurde das große Raten, als das Land Baden-Württemberg sein Institut für Seenforschung damit beauftragte, Deutschlands größtes Stillgewässer unter die Lupe zu nehmen. Eine Neuvermessung des gesamten Beckens sollte exakten Aufschluss darüber geben, wie tief an jeder einzelnen Stelle das "Schwäbische Meer" ist.

Als er sich die Resultate anschaute, fielen dem Projektleiter Martin Wessels in der Flachwasserzone zwischen Romanshorn und Bottighofen seltsame Erhöhungen auf. Kegelartige Hügel in regelmäßigen Abständen, schnurgerade angeordnet, parallel zum Ufer. "Ich dachte zuerst an einen Messfehler", sagt Wessels, "vielleicht funkt da irgendeine Elektronik rein."

Einen anderen Reim konnte er sich nicht auf die Messergebnisse machen. Doch der angebliche Fehler erwies sich als zu hartnäckig. Er tauchte bei drei verschiedenen Messverfahren auf. Fächerecholot, Laserscan und ein sogenannter Boomer, der den Untergrund mit niederfrequenter Akustik erfasst, brachten dieselben Erscheinungen zutage: Buckel, aufgereiht wie an einer Perlenschnur.

Da sich die Unterwasser-Hügelchen auf der schweizerischen Bodensee-Seite befinden, wurden die Auffälligkeiten zum Zwei-Staaten-Problem – und die Hügel zu "Hügeli". Auf helvetischer Seite übernahm Urs Leuzinger vom Amt für Archäologie des Kantons Thurgau. Spontan tippte er auf Gletscher als natürliche Schöpfer der Erscheinungen. Allerdings war eine derartige Anordnung von Steinhaufen in einem Flachwasserbereich keinem Geologen je untergekommen: Mehr als hundert aus den Sedimenten am Seeboden ragende Kegel zählten Wessels und Leuzinger, höchstens drei Meter hoch, Durchmesser bis zu 20 Meter.

Also künstlich angelegt – oder vom Menschen zufällig verursacht? Der Archäologe Leuzinger forschte bei jenen Stellen nach, die theoretisch infrage kamen. Zum Beispiel beim Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport. Doch die Armee winkte ab. Man habe keine Restbestände von Waffen und Geschossen im Bodensee verklappt, versicherte die Militärbehörde. Auch den für Schifffahrt zuständigen Stellen war nicht bekannt, jemals Wracks, Wrackteile oder Ballastmaterialien vor dem Südufer des Gewässers zurückgelassen zu haben.

Zumindest die Urheberfrage wollte Leuzinger im April 2018 abschließend geklärt wissen: Natur oder Menschenhand? Also musste der Darmstädter Geologe Hornung an die Hügeli ran, mit dem einzigen Unterwasserradar der Welt. "Wir wären froh gewesen, wenn sich dann doch herausgestellt hätte: Der Gletscher hat diese Haufen gemacht", sagt Leuzinger. "Damit wär es eine Sache der Geologen gewesen – wir hätten unsere Ruhe gehabt und die Steuerzahler Geld gespart."

"Vermutlich vorrömisch"

Daraus wurde nichts. Hornung konnte ausschließen, dass ein Gletscher vor 18.000 Jahren die Hügeli hinterlassen hatte; sie lagen auf den eiszeitlichen Moränen. Nach Auswertung der bunten Bilder wusste der Archäologe Leuzinger, dass sein kantonales Amt, dass seine wissenschaftliche Disziplin zuständig bleiben würde: Nicht die Geologie, sondern die "Lehre von den Altertümern" kümmert sich um kulturelles Erbe der Menschheit. Wann die anthropogenen Objekte entstanden sind, konnte der Radar nur höchst ungenau ermitteln. "Vermutlich vorrömisch", glaubt Hornung. Und wie immer, wenn in der Archäologie auch die Funktion eines Fundes ungeklärt bleibt, bietet sich Raum für Spekulationen in eine religiöse Richtung: Waren die Hügeli etwas Kultisches?

Zwischen den Unterwasser-Bauwerken fanden sich Holzreste. Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich datierte sie auf 3.300 bis 3.600 Jahre vor Christus. Doch dieser Befund hilft nicht weiter, solange die Forscher den direkten Zusammenhang zwischen Steinhügeln und Holzresten nicht beweisen können. Die Gebälkfragmente könnten irgendwann angeschwemmt worden sein.

Ihr Alter aber legt einen Kontext zumindest nahe. Während der Bronzezeit stellten Menschen der Region ihre Häuser in Ufernähe ins seichte Wasser. Der See ist voller Holztrümmer einstiger Pfahlbausiedlungen. Für Leuzinger ist ein Zusammenhang zwischen seinen Hügeli und dem heutigen Weltkulturerbe nicht nur wahrscheinlich, sondern außerordentlich passend. Denn so gut das Leben der Pfahlbauer erforscht ist – im Wissensstand klafft eine Lücke: "Wir kennen ihre Friedhöfe nicht", sagt Leuzinger. Zwar gibt es Dolmengräber aus jener Zeit, steinerne Stätten für die letzte Ruhe. Doch diese Gebilde stehen im Hinterland. Am See haben die Toten der Pfahlbauer "keine archäologischen Spuren hinterlassen".

Im kommenden Winter soll ein Grabungsschnitt durch das Hügeli Nummer fünf mehr Klarheit bringen. Die Archäologen hoffen auf datierbares Material, auf Werkzeuge, Keramik. Würden sie auf Gebeine stoßen, wäre dies eine Sensation – Leuzinger rechnet nicht damit. Er denkt bei seiner These nicht an Grabhügel, unter denen die Bronzezeitler die Verblichenen im See versenkt hätten, womöglich geschmückt mit glitzerndem Tand, sondern an "Plattformen im Zusammenhang mit Totenritualen". Die Tatsache, dass direkt an den Ufern noch keine bestatteten Pfahlbauerknochen aufgetaucht sind, interpretiert er so, dass die Toten kremiert wurden. Auf diesen Hügeln?

"Da stirbt zum Beispiel der Onkel Schorsch", gibt Leuzinger Einblick in die für ihn wahrscheinlichste Lösung des Bodensee-Rätsels. Je wichtiger eine Person, desto größer die Bereitschaft, ein Begräbnis würdig zu gestalten. War Onkel Schorsch in der Sippe ein hohes Tier, vermutet der Archäologe, dann haben viele Angehörige und Bekannte geholfen, zu seinen Ehren in Ufernähe einen Hügel fürs Begräbnis zu errichten. Alt und Jung packten an, die Kleinen trugen kleine Steine, die Erwachsenen schleppten Brocken von 50 Kilogramm ins knietiefe Wasser – denn der Seespiegel, glaubt Leuzinger, lag damals tiefer. Am Ende verbrannten sie Onkel Schorsch auf dem Mahnmal. Der See nahm sich seiner Asche an.

Noch vor der anstehenden Grabung in Hügeli Nummer fünf wird sich eine Expertenrunde treffen. Das Gespräch im Oktober soll dazu dienen, Widersprüche zwischen den beteiligten Wissenschaftsdisziplinen zu erläutern. Denn noch passen die Befunde der Forscher nicht zusammen.

Jens Hornung, der Darmstädter, vertritt eine andere These als der Archäologe Leuzinger. Er versucht bei seinen Ausführungen so weit wie möglich in seinem Stammgebiet, der Geologie, zu bleiben. Es gelingt ihm nicht. Zu spannend sind auch für ihn die Spekulationen rund um Sinn und Zweck der möglichen Anlage. Der See, so ist er überzeugt, lag damals keineswegs tiefer. Das kann er an den Schichten im Boden ablesen und an der sogenannten Haldenkante. Die Haldenkante ist der Ort zwischen Flachwasser und tiefen Gebieten, die Schwelle, an der es steil runtergeht. Wäre der Wasserstand geringer gewesen, hätten stürmische Wogen diese Kante wegerodiert. Das war nicht der Fall. Seine Radarbilder sagen ihm: Die Haldenkante war stets von zwei bis fünf Meter Wasser überlagert. Genau darüber platzierten die Urzeitler ihre Steine. Nicht in der Nähe des Ufers, sondern 300 Meter davon entfernt legten sie die Haufen an. "Die müssen das mit schwimmfähigen Objekten gemacht haben, mit Flößen oder Einbäumen."

Eine logistische Meisterleistung wäre dafür nötig gewesen. "Wir reden hier von Tausenden von Tonnen, die zwischen Altnau und Romanshorn im See versenkt wurden." Schnell überschlägt Hornung das Volumen aller Hügel zusammen: 100 mal 800 Kubikmeter Gestein. Macht 150.000 Tonnen. "Stonehenge war ein Scheiß dagegen."

"Die Stonehenge-These ist einfach zu gut"

Die Platzierung direkt über der damaligen Haldenkante ist für Hornung ein deutliches Indiz, dass die Haufen eine bestimmte Funktion besaßen. "Mit geringstem Aufwand möglichst weit draußen – und dort ragten sie aus dem See heraus." Seine geologischen Befunde verraten ihm überdies, dass die Steine auf der Seeseite runtergekullert sind. Dies hätten sie nicht getan, wäre der Hügel von Anfang an ein Hügel gewesen: Die Energie der Strömungen im Bodensee reichte für eine solche Gesteinsverlagerung nicht aus. Er hat daher ein anderes Gebilde vor Augen: eine Zylinderstruktur – einen Turm, der später zerfiel. "Dieser Verfall ist im Sediment dokumentiert."

Wie aber konnten die Bauherren draußen im See hohe Steinzylinder errichten? Hornung tippt auf eine runde Holzverschalung aus Baumstämmen (die später verfaulten). Die Fähigkeit, eine solche Hohlform zu bauen, müsste in der Kernkompetenz einer Pfahlbauersippe gelegen haben. Danach füllten sie die Verschalung auf, indem sie von ihren Booten aus Steine hineinwarfen. Bis der Zylinder gefüllt war – fertig war der Adlerhorst. Auf diese Befestigungsanlagen im Wasser konnten sich die Menschen zurückziehen und Leib und Leben retten, wenn ihre Ufersiedlung überfallen wurde. "Es waren kämpferische Zeiten", sagt Hornung.

Eine faszinierende Vorstellung – für die Schweizer. Legendär ist der eidgenössische Mythos vom "Reduit": Sollte das helvetische Mittelland im Zweiten Weltkrieg von Hitlerdeutschland überfallen werden, planten Armeespitze, Politik und wirtschaftliche Elite den Rückzug ihrer wichtigsten Köpfe in eine uneinnehmbare Alpenfestung. Hatten schon die Urahnen der Helvetier eine Art Mini-Reduit praktiziert, indem sie sich auf Schutzburgen im See verschanzten, wenn Angriffe von Norden drohten – von der prädeutschen Seite des Bodensees?

Allein die Gesteinsmenge spricht für Leuzinger gegen eine solche These und den Transport mit bronzezeitlichen Lastkähnen. "Unmöglich, so viel Gestein so weit draußen im Wasser zu verklappen." Der Archäologe genießt die momentane "Spekulationsphase". Solange weitere Erkenntnisse fehlen, könne jeder "frei von der Leber weg Hypothesen in die Luft pusten". Erst im Herbst wird es damit vorbei sein. Dann heißt es, alle sachdienlichen Hinweise interdisziplinär zu prüfen – auch jene, die aus der Öffentlichkeit kamen.

Aus Österreich stammt die Idee, die Hügel dienten der Fischzucht. Noch heute wird am Keutschacher See die Jagd auf Welse optimiert, indem mit Steinhaufen Brutgelegenheiten für Fische geschaffen werden: Der Wels hat mehr zu fressen, der Fischer größere Brocken an der Angel. Leuzinger überzeugt diese Zuchtthese nicht. "Unnötiger Aufwand. Der See war pumpenvoll mit Fischen."

Noch steiler war eine andere These. So glaubten einige festgestellt zu haben, dass die verlängerte Achse der hundert Hügeli am westlichen Ende des Bodensee das Konstanzer Münster schneide – einen christlichen Kraftort! Dieser kühnen Zuordnung fehlt es allerdings an geometrischer Präzision (wie ein schneller Blick auf die Landkarte verrät).

Trotzdem finden bei Leuzinger durchaus auch kosmisch-kultische Ansätze Gnade. Zumindest vorerst. Obwohl er selbst nicht daran glaubt – solange keine störenden Fakten die Möglichkeit torpedieren, will der Archäologe auch die Sternwarte am Seegrund als Lösung des Bodensee-Rätsels nicht ausschließen: "Die Stonehenge-These ist einfach zu gut, um sie jetzt schon zu verwerfen."

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