Die Platzierung direkt über der damaligen Haldenkante ist für Hornung ein deutliches Indiz, dass die Haufen eine bestimmte Funktion besaßen. "Mit geringstem Aufwand möglichst weit draußen – und dort ragten sie aus dem See heraus." Seine geologischen Befunde verraten ihm überdies, dass die Steine auf der Seeseite runtergekullert sind. Dies hätten sie nicht getan, wäre der Hügel von Anfang an ein Hügel gewesen: Die Energie der Strömungen im Bodensee reichte für eine solche Gesteinsverlagerung nicht aus. Er hat daher ein anderes Gebilde vor Augen: eine Zylinderstruktur – einen Turm, der später zerfiel. "Dieser Verfall ist im Sediment dokumentiert."

Wie aber konnten die Bauherren draußen im See hohe Steinzylinder errichten? Hornung tippt auf eine runde Holzverschalung aus Baumstämmen (die später verfaulten). Die Fähigkeit, eine solche Hohlform zu bauen, müsste in der Kernkompetenz einer Pfahlbauersippe gelegen haben. Danach füllten sie die Verschalung auf, indem sie von ihren Booten aus Steine hineinwarfen. Bis der Zylinder gefüllt war – fertig war der Adlerhorst. Auf diese Befestigungsanlagen im Wasser konnten sich die Menschen zurückziehen und Leib und Leben retten, wenn ihre Ufersiedlung überfallen wurde. "Es waren kämpferische Zeiten", sagt Hornung.

Eine faszinierende Vorstellung – für die Schweizer. Legendär ist der eidgenössische Mythos vom "Reduit": Sollte das helvetische Mittelland im Zweiten Weltkrieg von Hitlerdeutschland überfallen werden, planten Armeespitze, Politik und wirtschaftliche Elite den Rückzug ihrer wichtigsten Köpfe in eine uneinnehmbare Alpenfestung. Hatten schon die Urahnen der Helvetier eine Art Mini-Reduit praktiziert, indem sie sich auf Schutzburgen im See verschanzten, wenn Angriffe von Norden drohten – von der prädeutschen Seite des Bodensees?

Allein die Gesteinsmenge spricht für Leuzinger gegen eine solche These und den Transport mit bronzezeitlichen Lastkähnen. "Unmöglich, so viel Gestein so weit draußen im Wasser zu verklappen." Der Archäologe genießt die momentane "Spekulationsphase". Solange weitere Erkenntnisse fehlen, könne jeder "frei von der Leber weg Hypothesen in die Luft pusten". Erst im Herbst wird es damit vorbei sein. Dann heißt es, alle sachdienlichen Hinweise interdisziplinär zu prüfen – auch jene, die aus der Öffentlichkeit kamen.

Aus Österreich stammt die Idee, die Hügel dienten der Fischzucht. Noch heute wird am Keutschacher See die Jagd auf Welse optimiert, indem mit Steinhaufen Brutgelegenheiten für Fische geschaffen werden: Der Wels hat mehr zu fressen, der Fischer größere Brocken an der Angel. Leuzinger überzeugt diese Zuchtthese nicht. "Unnötiger Aufwand. Der See war pumpenvoll mit Fischen."

Noch steiler war eine andere These. So glaubten einige festgestellt zu haben, dass die verlängerte Achse der hundert Hügeli am westlichen Ende des Bodensee das Konstanzer Münster schneide – einen christlichen Kraftort! Dieser kühnen Zuordnung fehlt es allerdings an geometrischer Präzision (wie ein schneller Blick auf die Landkarte verrät).

Trotzdem finden bei Leuzinger durchaus auch kosmisch-kultische Ansätze Gnade. Zumindest vorerst. Obwohl er selbst nicht daran glaubt – solange keine störenden Fakten die Möglichkeit torpedieren, will der Archäologe auch die Sternwarte am Seegrund als Lösung des Bodensee-Rätsels nicht ausschließen: "Die Stonehenge-These ist einfach zu gut, um sie jetzt schon zu verwerfen."

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