Wie die schöne heile Welt in sich zusammensinkt, wie sie rostet, vergilbt, verfault, wie die Farbe abplatzt und aus tiefen Rissen das Unkraut sprießt, von alldem Zerfall waren die modernen Künstler seit je begeistert. Schon deshalb, weil sie auf das Neue hofften. Darauf, dass in den Trümmern der Gegenwart die Zukunft nistet und etwas hervortreibt, von dem niemand ahnt, was es sein mag.

Bislang hat diese Ruinenromantik alle Stil- und Formenwechsel der Kunst überlebt, und so ist sie auch jetzt frisch zu besichtigen, auf der Berlin Biennale mit ihren vielen Austragungsorten. Staub und Brösel, wohin man schaut. Allen voran Dineo Sheshee Bopape, eine südafrikanische Künstlerin, hat sich große Mühe gegeben, eine prachtvolle Abraumhalde zu errichten. Kreuz und quer liegen Pfeiler herum, die Armierungseisen züngeln wie böse Tentakel in den Ausstellungsraum. Dazwischen Schuttberge und Plastikeimer, in die es – mit sanftem Plopp – von der Decke hineintropft. Dafür hat Bopape dort oben ein ausgeklügeltes Schlauchsystem verlegen lassen.

Was das soll? Will Bopape die Berlin Biennale und mit ihr die vielen anderen schicken Museen und Galerien in Recyclinghöfe verwandeln, die übliche Bedeutungshuberei als Sondermüll entsorgen und damit die Kunst aus ihrer sterilen Scheinhaftigkeit befreien? So hätten es viele Künstler der Avantgarde gehalten, bekannt für ihre Wütereien. Bopape aber taucht ihre Schuttlandschaft in ein wohliges Rot, und jede Trümmerlust wandelt sich umstandslos in Bröselcharme. In jene melancholische Freude am Angeranzten und Ruinösen, die dem Kunstpublikum schon deshalb gut gefällt, weil es darin das eigene Lebensgefühl wiedererkennt. Es wird halt alles immer schlimmer. Oder wie die Kuratoren der Biennale sagen: Wir leben im "kollektiven Wahnsinn".

Schon deshalb sollte die Biennale eine "Plattform für kollektives Träumen und Handeln" werden, hatten die Kuratoren, angeführt von Gabi Ngcoco, versprochen. Einen Vorschein wollten sie bieten auf jene nahende Zeit, in der die Vorherrschaft des reichen, männlichen, weißen Westens endlich gebrochen sein wird. Dass "wir uns im Krieg befinden", ist für die Ausstellungsmacher, allesamt aus Afrika stammend, eine ausgemachte Sache und also ihre Trümmerfreude kein Zufall.

Allerdings, wer da eigentlich gegen wen kämpft und wie eine Kriegskunst, eine Ästhetik des Widerstands, aussehen könnte, behalten die Kuratoren für sich. Schon das Motto ihrer Biennale – We don’t need another hero – wirkt seltsam verwaschen und retroselig. Ein Schlagertitel von Tina Turner als Schlachtruf für die Zukunft?

Den Ankündigungen zum Trotz beträgt sich die Ausstellung recht artig. Man kann auch sagen: Sie tarnt sich im Konventionellen. Für die Grafik ihrer Plakate und des Katalogs bedient sich die Biennale bei den optischen Täuschungsmanövern der sogenannten Dazzle-Schiffstarnung, die im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurde. Entsprechend unsichtbar bleibt auf der Ausstellung alles, was irgendwie herausstechend oder gar anstößig sein könnte.

Viel wird gemalt und gezeichnet, was sonst auf solchen Ausstellungen eher selten vorkommt. Es gibt Holzschnitte, Flechtwerke, allerlei kunstgewerblich feine Installationen aus Gräsern oder Maismehl, und das meiste sieht aus, als entstamme es jener guten alten Tina-Turner-Zeit, in der die Frontverläufe noch schön eindeutig waren: Arm gegen Reich, Schwarz gegen Weiß, Kapital gegen Arbeit.

Von "alternativen kollektiven Geschichtsschreibungen" sprechen die Kuratoren, und sicherlich haben sie recht, dass ein schwarzer Feminismus auch in Berlin dringend der historischen Aufarbeitung bedarf und man ohnehin wissen sollte, wie machtvoll der Kolonialismus war, so einflussreich nämlich, dass selbst auf Haiti ein Palais namens Sanssouci errichtet wurde, frei nach dem Potsdamer Vorbild. Doch erwächst aus der Rückschau kein Furor. Es bleibt bei der Ruinenromantik: Ein pittoresker Brocken des Haiti-Schlosses dämmert auf der Biennale vor sich hin, ein aufwendig hingebasteltes Imitat, abgestellt vor der Akademie der Künste. Ähnlich wie das Berliner Stadtschloss, das gerade zu Ende rekonstruiert wird, verströmt’s vor allem identitätspolitisches Wohlgefühl.

Vielleicht liegt in diesem behaglichen Déjà-vu ja sogar der tiefere Sinn und Zweck einer solchen Biennale: Es geht um Selbstbestärkung. Das übliche Publikum dort, das in der Regel viel gereist und gut informiert ist, das sich für kritisch und links hält, außerdem genug Zeit und Wissen besitzt, um die kuratorischen Erläuterungen entschlüsseln zu können, dieses Publikum kennt die allermeisten Botschaften bereits, die ihm unterbreitet werden: dass der Neoliberalismus meistens schlimm ist, der ostdeutsche Normalmensch tendenziell rassistisch, die schwarze Frau ausgebeutet und so weiter. Ähnlich wie der Titel der Biennale noch einmal dem heroischen Pathos abschwört, obwohl das postheroische Zeitalter (zumal in der Kunst) längst begonnen hat, bestätigen auch weite Teile der Ausstellung nur das Allvertraute.

Das heißt nun nicht, dass sich die Anliegen der Künstler erübrigt hätten, im Gegenteil. Nur ist der neue Historismus, dieser Versuch, mit den Bruchstücken der Vergangenheit ein neues Heute zu formen, eben "kollektive Geschichtsschreibungen", leider doch viel zu selbstgenügsam, um dem "kollektiven Wahnsinn" etwas entgegensetzen zu können. Es fehlen das Anarchische, die tolldreiste Freude am Absurden, ein verspielter Zukunftswille. So, wie sie auf der Biennale zu sehen ist, droht die Kunst zur Ruine ihrer selbst zu werden, spinnwebenumflort, zikadenumzirpt.

Bis zum 9. September (weitere Informationen unter www.berlinbiennale.de)

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