In den Neunzigern war Hamburg Pophauptstadt. Die Goldenen Zitronen sahen im Nachwende-Deutschland 80 Millionen Hooligans, Tocotronic wünschte sich, Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein, Blumfeld sangen Von der Unmöglichkeit, nein zu sagen, ohne sich umzubringen, Die Sterne nannten einen Song Scheiß’ auf deutsche Texte .

Es war eine kritische Großstadtmusik, als "Hamburger Schule" etikettiert. Sie war wütend und intellektuell, sie hinterfragte Rockklischees und verwickelte ihr Publikum in einen ästhetischen und politischen Diskurs, sie wollte anders sein und nicht mitmachen. Zugleich glaubte man, die Bands der Hamburger Schule könnten die Charthits der Zukunft schreiben.

Doch dann kamen andere deutschsprachige Bands. Sie kamen aus Bautzen, Gießen oder Magdeburg, sie waren irre erfolgreich, und sie trieben dem Pop die linke Gesellschaftskritik aus. Mit Zeilen wie: "Es war ’ne geile Zeit / Hey, es tut mir leid / Es ist vorbei".

Was ist geblieben von alldem Aufrührerischen, vom Anderssein? Das Label Buback.

Die Plattenfirma ist der letzte Überlebende der Hamburger Schule. "Man hatte das Gefühl, dass Popmusik, die sich inhaltlich mit politischen und sozialen Gegebenheiten beschäftigt, nicht mehr gefragt war", sagt Thorsten Seif, der seit zwölf Jahren gemeinsam mit Friederike Meyer die Geschäfte bei Buback führt. "Es hat eine gewisse Entpolitisierung stattgefunden, das hat uns geschadet."

2005 war das Label annähernd pleite, der Künstler Daniel Richter, der immer wieder für Buback Plattencover gestaltet hat, beglich die Schulden und ist seither Eigentümer, wenn auch nicht am Tagesgeschäft beteiligt.

Am vergangenen Donnerstag feierte Buback dreißigjähriges Bestehen im Uebel & Gefährlich, und alle, die anders sein wollen im Popgeschäft, scharten sich um das Jubiläum wie um ein wärmendes Lagerfeuer: Sookee, die queerfeministische Rapperin aus Berlin; das Außenseiterinnen-Duo Schnipo Schranke; die Anti-Gangsta-Rap-Combo Zugezogen Maskulin; die Veteranen auf der Strecke gebliebener Hamburger Labels wie L’Age D’Or oder What’s So Funny About.

Jochen Distelmeyer von Blumfeld spielte zu Beginn des Abends eine Version des umstrittensten Hamburger-Schule-Songs: Tausend Tränen Tief, jener Ballade, die 1999 zu sanft und zu schön klang, um Teil des Subkultur-Universums zu sein.

Damals stritt man sich über Popästhetik, über Mainstream, über den ideologischen und künstlerischen Ausverkauf und darüber, was an dem Wunsch falsch sein könnte, sich sanft zu Zeilen wie "In mir / Tausend Tränen tief / Erklingt ein altes Lied / Es könnte viel bedeuten" zu wiegen.

Auch wenn diese Streitkultur heute wie eine Marotte der Popgeschichte wirkt – die Existenz von Buback beweist, dass es noch Künstler gibt, die sich streiten wollen. Und sei es bloß darüber, wie man auf Rockkonzerten das Publikum anspricht. "Hamburg, seid ihr da?", rief Jochen Distelmeyer in den ausverkauften Saal hinein, so wie man das eben macht, mit unbekümmerter Rock-Attitüde. "Wollt ihr wirklich so angesprochen werden?", empörte sich Ted Gaier, der mit seiner Band Die Goldenen Zitronen als Nächstes auf die Bühne kam. "Hamburg? Ist das die Kategorie, über die wir uns definieren?" Ist es natürlich nicht. Wer Buback-Platten hört, hat für kumpeligen Lokalpatriotismus und Stadionrock-Seligkeit nicht viel übrig. Theoretisch zumindest. Praktisch finanziert sich Buback Records schon seit Längerem auch über das offizielle Popgeschäft.

"Von dem, was das Label einspielt, könnten wir vielleicht eine Vollzeitstelle finanzieren und einen schlecht bezahlten Praktikanten", sagen Thorsten Seif und Friederike Meyer. Die größeren Summen kommen über Künstler wie Jan Delay, Samy Deluxe und die Beginner herein, für die Buback als Konzertagentur arbeiten. Musiker, die heute zum sogenannten Mainstream gehören, die ihre Wurzeln aber in den politischen neunziger Jahren haben. Kill the Nation With A Groove heißt die erste Rap-Compilation, die 1993 auf Buback Records erschienen ist.

Zum dreißigjährigen Buback-Jubiläum standen Jan Delay, Denyo und DJ Mad zusammen mit Samy Deluxe als Hauptact auf der Bühne. Längst sind die Beginner Grandseigneure des deutschen Hip-Hop, und Jan Delay singt lokalpatriotische St.-Pauli-Songs mit und ohne Udo Lindenberg.

Bei der Zugabe bewiesen sie allerdings viel Gespür für die Kultur des Jubilars und holten Torch auf die Bühne. Der Rapper hatte 1993 mit Advanced Chemistry Fremd im eigenen Land geschrieben, einen Song darüber, wie schwer es ist, als Jugendlicher mit migrantischem Aussehen als Deutscher akzeptiert zu werden. Auf Buback veröffentlicht, natürlich, und heute mindestens so aktuell wie damals.