In der Basilika von Sheshan im Bistum Schanghai steht rechts neben dem Altar eine goldene Statue der Muttergottes, die das Jesuskind in die Höhe hält. Man sieht nicht gleich, dass Maria auf einem Drachen steht, weil der Blick erst einmal auf die mild blickende Mutter und ihren Sohn mit seinen ausgebreiteten Armen fällt. Viele chinesische Katholiken, die den Marienmonat Mai über zu Tausenden in die Kathedrale pilgerten, sehen aber gerade in dem besiegten Drachen das entscheidende Symbol. Was wäre, wenn eines Tages das Ungetüm tatsächlich von Maria und ihrem Sohn bezwungen würde? Vor Tagen sendete Papst Franziskus den etwa zehn bis zwölf Millionen chinesischen Katholiken anlässlich des Mariahilf-Festes eine Grußbotschaft, in der er sie aufmuntert, weiter stark zu bleiben in ihrem Glauben.

Wenn man so will, steht der Drache von Sheshan auch für das kommunistische Regime in China, das den Katholiken im Land das Leben schwer macht. Immer wieder dringen Nachrichten von abmontierten Kreuzen, entführten Bischöfen und anderen Schikanen aus dem Reich der Mitte. Es sind schwierige Zeiten für Chinas Katholiken, und doch oder gerade deshalb liegt das Dossier China im Vatikan obenauf. Eine dreiköpfige Taskforce verhandelt im Namen des Papstes seit Monaten über ein Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Volksrepublik. Vor Ostern hieß es in Peking, der Pakt stehe kurz vor dem Abschluss. Der Vatikan dementierte. Peking spielt mit verdeckten Karten, und deshalb wird im Vatikan nicht ausgeschlossen, dass es sich bei der Behauptung, alles sei bereits in trockenen Tüchern, um ein chinesisches Störmanöver gehandelt haben könnte.

Ein Vertragsabschluss wäre historisch und problematisch zugleich. Es ist deshalb kein Wunder, wenn der Verhandlungsführer auf kirchlicher Seite, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, über die Annäherungsversuche zwischen Kirchenstaat und Kommunistischer Partei (KP) sagte: "Es gibt Leute, die behaupten: Es ist wie der Tanz des heiligen Veit, zwei Schritte vor, einer zurück. Das Wichtige ist, es geht voran." Das war Ende März.

Inzwischen haben Repressionen gegen Christen in der Volksrepublik wieder stark zugenommen. In der Provinz Henan wurden Kreuze von Kirchendächern abmontiert, Minderjährigen ist der Zutritt zu Gotteshäusern verboten, sogar ein katholischer Kindergarten soll geschlossen und das Grab eines Untergrundbischofs verwüstet worden sein. Ein romtreuer Bischof wurde entführt. Sicherheitskräfte stürmten Messen, um Kinder aus dem Gottesdienst zu zerren. Die Behörden verboten den Online-Verkauf von Bibeln und wollen nun Übersetzungen "gemäß der chinesischen Tradition" auf den Markt bringen. Die Unterdrückung des christlichen Glaubens, aber auch die Angst des Regimes vor der subversiven Kraft der Religionen sind mit Händen zu greifen. Die Zwangsmaßnahmen haben die Verhandlungen gebremst.

China brach 1957 seine diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl ab. Inoffizielle Kontakte gab es weiterhin. Die KP gründete eine Staatskirche namens Katholisch-Patriotische Vereinigung und ernannte staatstreue Bischöfe, von denen die meisten, weil sie nicht das Plazet des Papstes hatten, von Rom automatisch exkommuniziert wurden. Im Gegenzug bestimmte der Vatikan Bischöfe, die von der Volksrepublik nicht anerkannt wurden und sich in einer "Untergrundkirche" organisierten. Chinas Katholiken sollen sich etwa zur Hälfte auf beide Zweige verteilen. Benedikt XVI. bestätigte 2007 den Wunsch seines Vorgängers Johannes Paul II., "dass bald konkrete Wege der Verständigung und der Zusammenarbeit zwischen dem Heiligen Stuhl und der Volksrepublik China geschaffen werden". Die Lösung der Probleme könne nicht durch "einen andauernden Konflikt mit den legitimen zivilen Autoritäten angestrebt werden", schrieb er in einem Brief an Chinas Katholiken. Doch bei der zentralen Frage der Bischofsernennungen gab es keine Fortschritte, der Vatikan wollte prinzipiell keine Zugeständnisse machen. Die Kirchenspaltung in China wurde zementiert. Unter Franziskus sind nun erstmals große Zugeständnisse an das kommunistische Regime denkbar geworden.

"Der Vatikan will sich in den Mechanismus der Bischofsernennungen einschalten", heißt es in informierten Kirchenkreisen in Rom. Die Kirchenleitung ist offenbar bereit, das Vorschlagsrecht für die Bischöfe im Stile eines Sonderkonkordats abzugeben und damit das Schisma aufzulösen. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, nur dass in diesem Fall nicht ein Domkapitel, sondern die offiziell gottlose Kommunistische Partei Chinas das Vorschlagsrecht hätte und der Vatikan in einem zweiten Schritt den Kandidaten bestätigen oder ablehnen könnte. Das wäre der Pakt mit dem Drachen.

Der Deal sieht außerdem die Anerkennung von sieben pekingtreuen Bischöfen vor. Im Gegenzug müssten einige Untergrundbischöfe, die sich jahrelang gegen die Einvernahme durch Peking gewehrt haben, zurücktreten. Sympathisanten der katholischen Untergrundkämpfer im Klerus wie der emeritierte Hongkonger Kardinal Joseph Zen nennen diesen Plan ein "selbstmörderisches Abkommen" und einen "Ausverkauf". Franziskus-Kritiker auf der ganzen Welt stimmen ihm zu. Sie werfen dem Papst vor, nach der inneren Erosion durch die Aufweichung der Sakramente nun auch das Prinzip der apostolischen Nachfolge in Zweifel zu ziehen.

Nach einer Generalaudienz empfängt Papst Franziskus im April dieses Jahres chinesische Katholiken vor dem Petersdom im Vatikan. © Tiziana Fabi/AFP/Getty Images

Die Frage ist, warum die katholische Kirche auf einen Deal mit einem Regime drängt, das nicht nur keine Religionsfreiheit duldet, sondern auch die Menschenrechte mit Füßen tritt und totalitaristische Tendenzen hat. "Wenn die Regierung nicht kommunistisch wäre und die Religionsfreiheit achten würde, gäbe es keinen Grund zum Verhandeln", sagt Kardinalstaatssekretär Parolin. Zusammen mit Erzbischof Claudio Maria Celli, dem früheren stellvertretenden Außenminister des Vatikans, und Monsignor Gianfranco Rota Graziosi, dem China-Experten im Staatssekretariat, steuert Parolin den Dialog. Die vom Papst vorgegebene Marschroute lautet: Pragmatismus. Diese Haltung kommt China stark entgegen. Ein Abkommen mit dem Heiligen Stuhl hätte Signalwirkung. Die Machthaber in Peking um Staats- und Parteichef Xi Jinping, die einen Polizeistaat aufbauen, Dissidenten in Straflagern foltern lassen, flächendeckend zensieren und kontrollieren, könnten plötzlich eine offizielle Anerkennung durch einen wichtigen Global Player wie den Vatikan vorzeigen.