Man weiß ja eigentlich alles schon. Und doch verdrängt man es. Man weiß von den Korruptionsskandalen, man weiß von den Verhaftungen der Fifa-Funktionäre 2015 in Zürich, man schüttelt pflichtschuldig den Kopf über die Entscheidungen für Russland und Katar, man macht spöttische Bemerkungen über die Summen, die da wohl heimlich geflossen sein mögen – aber letztlich nimmt man die Lage achselzuckend in Kauf. Fußball ist eines der wenigen einheitsstiftenden Elemente in einer immer stärker zersplitterten Gesellschaft, mit anderen Worten: Fußball ist wesentlich dafür da, dass jeder mit jedem ein Gesprächsthema hat. Wer sich also von diesem Sport distanziert, leugnet gleichsam, dass unsere Gesellschaft noch eine Einheit ist, er spaltet sich ab, er vereinzelt sich, er erzeugt schlechte Laune.

Den Literaturwissenschaftler und Sporthistoriker Klaus Zeyringer – Autor einer Kulturgeschichte des Fußballs sowie einer zweibändigen Kulturgeschichte der Olympischen Spiele – und den Journalisten Stefan Gmünder schüchtert das nicht ein. Man muss ihr Buch Das wunde Leder ein mutiges Buch nennen. Es ist auch ein Spielverderber-Buch, in dem auf knappen 120 Seiten konzise und übersichtlich zusammenfasst wird, wie furchtbar die Dinge liegen. Auf engem Raum stellen Gmünder und Zeyringer (begleitet von einem Manifest von Zeyringer und dem Schriftsteller Ilija Trojanow) ein Dossier zusammen, dessen Effekt, man kann es nicht anders sagen, vernichtend ist.

Immer wieder fragen die Autoren sachlich, wie es eigentlich so weit hat kommen können, dass im Namen eines Sports ein nirgendwo als in der Schweiz geringfügig Steuern zahlender Privatverein solch eine singuläre Machtstellung erreicht hat, dass er sogar nationales Recht nach Gutdünken aussetzen kann, und geduldig wiederholen sie auch ihre Frage, wieso in aller Welt sich Staaten widerstandslos auf so etwas einlassen. Die Stadien, die natürlich nicht die Fifa, sondern die Veranstalterstaaten unter erheblichen Verlusten bauen, sind während der Weltmeisterschaft exterritoriale Gebiete, auf denen die nationale Rechtsprechung ebenso ausgesetzt ist wie die Freiheit der Rede (man darf seine politische Meinung nicht sichtbar ausdrücken, auch Demonstrationen, welcher Art auch immer, sind in der "Bannmeile" um ein WM-Stadion verboten) oder auch die Freiheit des Handels: In der Bannmeile garantiert die Fifa ihren Vertragspartnern wie Coca-Cola, Adidas, McDonald’s oder auch Gazprom eine Monopolstellung, sodass nur deren Produkte beworben oder verkauft werden dürfen – was auch für private Händler gilt, deren Geschäfte sich zufällig in der Nähe des Stadions befinden. Die Produkte der Vertragspartner allerdings dürfen nicht nur, sie müssen auch verkauft werden.

"Maybe I look a bit arrogant", sagte der einstige Fifa-Generalsekretär Jerôme Valcke öffentlich, "but that’s something we will not negotiate. I mean, there will be and there must be as a part of the law, the fact that we have the right to sell beer." Gesetze auf Bestellung? Natürlich, denn daraufhin wurde das Gesetz, welches in Brasilien den Verkauf von Bier in Fußballstadien verbietet, ausgesetzt, und Valcke konnte sich wiederum angewidert darüber beschweren, wie viele Alkoholisierte er im Stadion sah – Bilder, die von den Fernsehstationen allerdings nicht gesendet werden durften, denn nur die Fifa kontrolliert, was aus ihrem Hoheitsgebiet an die Öffentlichkeit dringt. Die Fifa, so erfahren wir in Das wunde Leder, hebt "sogar die Bekleidungsfreiheit auf. Abertausende niederländische Fans mussten 2006 bei der WM in Deutschland vor einem Match ihre orangefarbenen T-Shirts wechseln: Sie trugen das Logo einer Marke, die nicht im Fifa-Konsortium firmierte."

Bei der Weltmeisterschaft im Jahr 2014 in Brasilien nahm die Fifa geschätzte zwei Milliarden Dollar ein – wie immer ohne dort einen Cent Steuern zu bezahlen. "Sie kommen her", fasste es der Fußballer Romário zusammen, "bauen den Zirkus auf, haben selbst keine Ausgaben und nehmen alles mit." Die "ehrenamtlichen" Mitglieder des Exekutivkomitees bekamen für ihre Jahrestätigkeit eine Aufwandsentschädigung von 200.000 Dollar pro Person. Dass die Fifa, wie übrigens auch die Uefa und das IOC, in der Schweiz weitgehend von der Steuer befreit ist, verdankt sie ihrem Status als gemeinnützigem Verein, aber worin besteht diese Gemeinnützigkeit eigentlich? Offensichtlich nicht darin, dass Gewinne wieder ans Gemeinwesen zurückgegeben werden: "Wie verträgt es sich [mit der Gemeinnützigkeit], dass die Fifa 2015 Reserven von anderthalb Milliarden Dollar verkündete und die Uefa 2017 siebenhundert Millionen Euro 'Rücklagen' angab?"

Den ohnehin nicht eben reichen Staat Südafrika kostete die Ausrichtung der Weltmeisterschaft fünf Milliarden Euro. Die Mehreinnahmen durch den Tourismus lagen nur bei 386 Millionen. Am Rand der Stadt Mbombela wurden der Weltmeisterschaft wegen 5.000 Menschen zwangsweise umgesiedelt, um ein Stadion mit 46.000 Plätzen zu bauen. Die Regierung versprach den Umgesiedelten den Bau von Unterkünften und die Versorgung mit Wasser und Strom. Keines dieser Versprechen wurde eingelöst, der Bürgermeister von Mbombela wurde ermordet, der Mörder nie gefasst, und das Stadion steht seit dem Ende der Weltmeisterschaft leer im Niemandsland. Zum Aberwitz all dieser wie außerirdische Objekte in die Länder gefallenen Riesenstadien sagte der Hamburger Architekt Volkwin Marg, dessen Büro an der Errichtung zahlreicher Stadien beteiligt war, lakonisch, hier gehe es eben darum, "eine inszenierte Massenhysterie kommerziell abzuschöpfen".

Der vielleicht amüsanteste Widerspruch, auf den Gmünder und Zeyringer eingehen, betrifft aber die Frage der Grenzsouveränität. Das Veranstalterland einer Weltmeisterschaft muss der Fifa vertraglich zusichern, dass allen von der Fifa benannten Personen – die Liste umfasst gemeinhin mehrere Tausend, und wer sie sind, muss die Fifa nicht erläutern – die Einreise problemlos ermöglicht wird. Wo sind nun eigentlich die besorgten Bürger, die dagegen protestieren, dass im Zusammenhang mit sportlichen Großveranstaltungen die Schengen-Verträge pauschal ausgesetzt sind? Angeblich ist es doch wichtig, genau kontrollieren zu können, wer in unsere Länder einreist. Sobald es aber um Fußball geht, gibt es keinerlei Kontrolle, und niemand sieht darin ein Problem.

Und natürlich sind da die explodierenden Kosten für die Fernsehrechte. "Die beiden öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland", heißt es in Das wunde Leder, "kosteten die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 jeweils über 210 Millionen Euro. Da ist wohl die Frage erlaubt, ob nicht die Gebührenzahler mit Steuergeldern indirekt eine korrupte Organisation finanzieren."

In der Tat, die Frage sollte erlaubt sein, auch wenn man dann als Spielverderber dasteht. Und so macht in einem dem Buch angehängten Manifest wider die Sportdiktatur Klaus Zeyringer, gemeinsam mit Ilija Trojanow, diesen Schritt – sie versuchen buchstäblich, die Spiele zu verderben, und fordern zum Boykott der Fernsehübertragungen der WM-Spiele aus Russland auf. Das ist eine kuriose Idee, gegen die sich allerdings nichts Vernünftiges einwenden lässt. Solange das Großereignis in der Hand einer mafiösen Organisation ist, solange die Weltmeisterschaften in Ländern stattfinden, die diese mit Bestechung eingekauft haben, solange dort Stadien unter Bedingungen gebaut werden, die an Sklaverei gemahnen, solange in ihnen und um sie nationale Rechtsprechung, Redefreiheit und Freiheit des Handels ausgesetzt sind und solange der Verein, der von alldem profitiert, fast keine Steuern an die Gesellschaft zurückgeben muss – sind nicht alle, die trotzdem zuschauen, Komplizen eines skandalösen Unrechts? "Wir sind keine Quotenbringer, keine dummen Schafe, keine dumpfen Konsumenten", schreiben Zeyringer und Trojanow. Ja, in einer vernünftigen Welt würde keiner unter solchen Bedingungen ins Stadion gehen. Politiker würden nicht nach Russland reisen und im Namen des Fußballs Putins Hand schütteln, während der Dissident Oleg Senzow in einem sibirischen Gefängnis dem Tod entgegenhungert, und kein Bürger daheim würde Übertragungen ansehen, bis die Fifa sich reformiert hat und Spiele nicht mehr unter unakzeptablen Bedingungen stattfinden.

Aber wir wissen alle, dass wir nicht in einer vernünftigen Welt leben. Und so wird natürlich alles bleiben wie bisher.

Stefan Gmünder, Klaus Zeyringer: "Das wunde Leder - Wie Kommerz und Korruption den Fußball kaputt machen"
Suhrkamp Verlag 2018, 128 Seiten 12,00 €