Was für ein Ereignis: Der Roman von Ulrich Alexander Boschwitz (1915 bis 1942) ist mit Jahrzehnten Verspätung auf Deutsch erschienen. Der Reisende ist die Geschichte des Juden Otto Silbermann, eines Berliner Kaufmanns, in den Tagen nach den Pogromen des Jahres 1938. Seine Geschichte ist so brandaktuell wie zeitlos. Stilistisch ist Der Reisende so schlank und konzentriert wie die großen Erzählungen vom Selbstverlust, Albert Camus’ Der Fremde etwa oder Ernesto Sabatos Der Tunnel. Der politische Kontext rückt ihn allerdings noch mehr in die Nähe der großen Romane über den Nationalsozialismus, man denke an Kaddisch für ein nicht geborenes Kind von Imre Kertész oder Die Schachnovelle von Stefan Zweig. Wenn diese beiden Klassiker den vom Totalitarismus zerstörten Menschen zeigen, indem sie das Entsetzen langsam und Schritt für Schritt in seiner Gänze sichtbar machen, so beschreibt Alexander Boschwitz den Zerstörungsprozess selbst.

Dabei kommt der Roman ohne große Gesten aus. Er beginnt mit beiläufigen Zeilen über ein Gespräch zwischen dem Berliner Kaufmann Silbermann und seinem Prokuristen und ehemaligen Kriegskameraden Becker, der zwar dem Spiel und dem Alkohol zuneigt, den Silbermann aber trotzdem formal zum Teilhaber seiner Firma macht und dem er sein Geld anvertraut. Es folgt ein Verkaufsgespräch über Silbermanns Haus, für das sich ein Herr Findler interessiert. Dieses Gespräch läuft aus dem Ruder, weil der Interessent, immer wenn Silbermann beim Preis etwas nachgibt, einen weiteren Schritt zurück macht. Schließlich klingelt es an der Tür, es wird gepoltert und geschrien, der Jude solle aufmachen. Silbermann flüchtet über den Hintereingang.

Was darauf folgt, gehorcht der Dramaturgie eines Roadmovies, das uns die Demontage des Bürgers und Menschen während seines Kampfes gegen das paranoide System erleben lässt. Zunächst folgt Silbermann seinem Sozius Becker nach Hamburg, aus Ratlosigkeit und weil er Bargeld braucht. Becker nimmt ihn jedoch aus. Silbermann scheitert beim Versuch, die Grenze nach Belgien zu überschreiten. Hochintelligent protokolliert er dabei selbst den Verlust seiner Menschenwürde und, im Verlauf einer deutschen Odyssee in der Reichsbahn, schließlich auch den seines Urteilsvermögens. Allein das Nachdenken über Findler und die Frage, ob Findler sich nach dem Überfall ausreichend um Frau Silbermann gekümmert habe, ob Findler in der gegebenen Situation eigentlich noch ein guter Kerl oder doch einer der Antreiber der Dehumanisierung sei, gibt den Blick auf die innere Unlogik frei, der Silbermann gerade deshalb erliegen muss, weil sie unlogisch ist. Es regiert die inakzeptable, banale Vorteilsnahme um jeden Preis.

Alexander Boschwitz’ Roman ist im vorliegenden Lektorat seines Wiederentdeckers Peter Graf keineswegs zufällig ein außergewöhnlicher Wurf. Systematisch stellt er Konstellationen her, in denen Silbermann die Menschen seines Lebensumfeldes genauso trifft wie Unbekannte aller Klassen, politischen Orientierungen und Bildungsgrade. Darunter ist auch der Schwager, dem er einst finanziell aushalf und der ihm jetzt aus Angst, sich zu kompromittieren, jede Zuflucht verwehrt. Nur Stunden später trifft der arisch wirkende Silbermann einen alten jüdischen Freund, den er nun seinerseits als kompromittierend bezeichnet, weil der Freund so eindeutig jüdisch aussieht und so unvorsichtig redet. Aus dem Mosaik dieser mutlosen Rückzüge konstruiert sich das System vor unseren Augen: Der Prozess der Entmenschlichung besteht aus der Summe einzelner winziger Grenzüberschreitungen. Mikroskopisch fühlt man mit, wie der Mensch unwillkürlich den nächsten feigen Gedanken denkt und entschuldigt, denn es ist ja nur einer und nur ein kleiner, und wie er damit den übernächsten vorbereitet. Boschwitz zeigt das System beim Umkippen.

Perfekt gesetzt und sehr anrührend geschrieben ist dabei eine längere Erinnerung Silbermanns an seine Kindheit, die das Individuum auf geradezu natürliche Weise verteidigt. Dasselbe gilt für einen zunächst als Rückblende daherkommenden Traum, den Silbermann hat, als er kurz vor dem Ende noch einmal in sein Haus zurückkehrt und in seinem Bett schläft. Zuvor hat er den Entschluss gefasst, aufzugeben, indem er offen rebelliert.

Geschrieben hat Boschwitz den Roman im Alter von 23 Jahren. 1915 in Berlin geboren, war er bereits 1935 nach Skandinavien ausgewandert, wo er einen ersten hochgelobten Roman veröffentlichte. Später ging er nach England, wo er zu Kriegsbeginn interniert und nach Australien verbracht wurde. Boschwitz starb im Alter von 27 Jahren, als sein Schiff auf der Rückreise von einem deutschen U-Boot versenkt wurde. In den frühen Sechzigern hat Heinrich Böll sich für das Manuskript eingesetzt, leider erfolglos. Wenn gerade in diesen Tagen Boschwitz’ Schweigen so laut zu hören ist, meint man, auch Bölls Stimme auszumachen.

Es war Durs Grünbein, der in der Debatte um Migration und Fremdheit bemerkte, es sei jetzt gerade so viel Zeit vergangen, dass man die Lehren aus dem "Dritten Reich" zu vergessen beginne. In der sich politisch polarisierenden Gegenwart bedarf es da für das laute Nein des Einzelnen, das dem anderen Einzelnen zeigt, dass ein Nein möglich ist, schon wieder eines gewissen alltäglichen Heldenmutes. Nötig ist er allemal, denn sich zu fügen scheint nur im Augenblick des Fügens einfacher oder billiger. Greifbarer als in Ulrich Alexander Boschwitz’ nachgelassenem Roman war diese Erkenntnis selten. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass Der Reisende bald in der Schule gelesen und diskutiert wird. Das wird helfen.

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende. Roman; herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter Graf; Klett-Cotta, Stuttgart 2018; 303 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €