Seit einigen Wochen herrscht bei Ilse Riesinger Verwirrung. Vom nächsten Schuljahr an muss die Direktorin der Volksschule Greiseneckergasse im 20. Wiener Bezirk eigene Klassen für Schulanfänger ohne Deutschkenntnisse einrichten. Die Lehrpläne und das Lehrerkontingent stehen aber noch nicht fest. "Wir wissen überhaupt nicht, was auf uns zukommt", sagt Riesinger, "und das so kurz vor Schulschluss."

So wie Riesinger geht es einigen Schulleitern, besonders in den Ballungszentren. Maximal zwei Jahre, so sieht es die vor einem Monat beschlossene Reform von Bildungsminister Heinz Faßmann vor, sollen Schulanfänger mit mangelnden Sprachkenntnissen künftig in eigenen Deutschförderklassen verbringen. Außer in Fächern wie Turnen oder Musik werden sie dort nach einem eigenen Lehrplan unterrichtet. In Volksschulen erhalten sie dort 15 Wochenstunden eigenen Deutschunterricht, in den Neuen Mittelschulen sind es 20 Stunden.

Die schwarz-blaue Gesetzesänderung betrifft vor allem urbane Schulen mit einem hohen Migrantenanteil. Nicht zuletzt deshalb ist das Thema zu einem ideologischen Schlagabtausch avanciert. Die einen sprechen von "Ghetto-Klassen", die anderen von "größerer Chancengleichheit". Es prallen zwei Denkschulen aufeinander. Die eine sieht in frühzeitiger Inklusion ein gesellschaftspolitisches Allheilmittel, die andere befürchtet, der allgemeine Bildungsfortschritt werde behindert, weil Rücksicht auf sprachliche Handicaps genommen werden müsse. Doch hinter der pädagogischen Kontroverse lauert ein viel größerer Konflikt: Wie soll die Gesellschaft ihren Umgang mit Migration gestalten? Und wie sieht generell der richtige Weg zur Integration aus?

Der Bildungsminister wirft seinen Kritikern "Sozialromantik" vor

An der emotionsgeladenen Schulfront scheint sich dieser Stellvertreterkrieg derzeit immer weiter zuzuspitzen. Vergangene Woche haben einige Wiener Schulleiter erklärt, die Gesetzesänderung im Herbst boykottieren zu wollen, in Innsbruck fordert SPÖ-Bildungsstadträtin Elisabeth Mayr zumindest eine Verschiebung um ein Jahr, und am Mittwoch, nach Redaktionsschluss der ZEIT, stand ein Treffen zwischen Bildungsminister Faßmann und dem Chef der Pflichtschullehrergewerkschaft Paul Kimberger auf der Tagesordnung.

"Wenn man sich so ein Projekt überlegt, dann unter Einbindung aller Beteiligten und mit einer angemessenen Vorlaufzeit", sagt Adi Solly, Leiter einer Volksschule in Ottakring. Neben seinem Büro befinden sich die Schulspinde. Darauf kleben Namen wie Özge, Yusuf und Mohammed. Früher hat Solly in einer Ganztagsschule im dreizehnten Bezirk gearbeitet. Dort sei es den Eltern um gute Noten und ein gesundes Schulbuffet gegangen, erzählt er.

Hier im 16. Bezirk stehen ganz andere Fragen im Mittelpunkt, etwa der Spracherwerb. Von den 220 Schülern sind rund 70 Prozent nicht deutsche Muttersprachler. Trotzdem ist sich Direktor Solly sicher: "Mit den Deutschförderklassen nimmt man ihnen die Chance, eine normale Schullaufbahn zu machen." Denn die Jahre, die ihnen im Regelunterricht fehlen, müssten sie dann mit einem Mal nachholen. Wenn sie das nicht schaffen, würden die Schüler ein ganzes Jahr in ihrer Schullaufbahn verlieren.

Kritik kommt auch von Wissenschaftlern und Pädagogen, die im Separieren von Kindern Nachteile für das soziale Miteinander sehen. "In Österreich bewegen wir uns ohnehin schon in Richtung Segregation von Schulen", sagt Eva Vetter, Sprachlehrforscherin an der Universität Wien.

Auch Christiane Spiel, Professorin für Bildungspsychologie, ist überzeugt, dass Schüler mit Migrationshintergrund so viel Zeit wie möglich in gemischten Klassen verbringen und mit deutschsprachigen Kindern gemeinsam Aufgaben lösen sollten. "Die Schule ist bei Kindern mit Migrationshintergrund häufig der einzige Ort, an dem sie mit einheimischen Kindern zusammenkommen", sagt Spiel.

Man wolle Kinder mit den Deutschförderklassen nicht separieren, sondern für Chancengerechtigkeit sorgen, kontert hingegen Heinz Faßmann. Der Bildungsminister sitzt zurückgelehnt in seinem Büro, spricht ruhig und langsam. Das Thema Deutschförderklassen, so scheint es, beschäftigt ihn derzeit vorrangig. Seit Monaten erklärt er fast täglich, worum es ihm geht: "Wenn wir Deutsch als Lingua franca sehen und ins Zentrum stellen, dann können auch Kinder in einer heterogenen Klassengemeinschaft miteinander kommunizieren." Das Argument, dass Kinder von anderen spielerisch Deutsch lernen können, lässt Faßmann zwar gelten, aber dafür brauche es zumindest eine gewisse Einstiegskompetenz. "Alles andere hat mit Sozialromantik zu tun", wirft er den Kritikern seiner Reform vor.

Dass es bisher nicht geklappt hat, Migranten ausreichende Deutschkenntnisse zu vermitteln, daran gibt es wenig Zweifel. Laut einer internationalen Studie aus dem Jahr 2016 herrschen in Österreichs vierten Volksschulklassen bei der Lesefähigkeit zwei Lernjahre Unterschied zwischen ein- und mehrsprachigen Kindern, deren Muttersprache oft nicht Deutsch ist.