Die Geschichte der Grünen ist (auch) eine lange Geschichte des Streits; von den Gründungstagen bis zur desaströsen Wahlniederlage im vergangenen Jahr, die die Partei aus dem Parlament spülte. Gerade in den Anfangstagen war die Gemengelage unübersichtlich.

Der Historiker Robert Kriechbaumer beschreibt in seinem neuen, 650 Seiten dicken Buch die Protagonisten aus den unterschiedlichen Milieus, die sich Anfang der Achtzigerjahre zusammenraufen mussten, und er erzählt von den Bruchlinien, die sich auftaten, von der anfänglichen Dominanz der Grazer Gruppe etwa und ihren linken Gegenspielern in Wien, von den vielen Spaltungen, Zusammenschlüssen, Splittergruppen, Umwelt- und Friedensaktivisten sowie Revolutionären Marxisten. Wer stand bei welchen Zusammentreffen im Abseits, welche Gruppe forderte wann was?

Es muss furchtbar mühsam gewesen sein, aus diesen unterschiedlichen Interessen und Egos eine kohärente Bewegung zu formen – und es gelang ja auch vorerst nicht. Nach einer ersten Konsolidierungsphase blieben immer noch zwei grüne Bewegungen übrig: die Vereinten Grünen (VGÖ) und die Alternative Liste (ALÖ). Bei den Nationalratswahlen 1983 scheiterten beide am Einzug ins Parlament. Einzig in Vorarlberg hatte man Erfolg: Der junge Landwirt Kaspanaze Simma aus Andelsbuch schaffte es in den Landtag.

Für die Nationalratswahl 1986 bekam man schlussendlich irgendwie alle unter einen Hut. Mit Freda Meissner-Blau an der Spitze gelang der Sprung ins Parlament. Doch die Flügelkämpfe waren damit keineswegs erledigt. Zur wirklichen Vereinigung von VGÖ und ALÖ kam es erst einige Jahre später. Wenn dem Leser dabei ein wenig schwindlig wird, ist das weniger die Schuld des Autors – die grüne Bewegung war ganz einfach immer disparat, verästelt, kompliziert und voller wechselseitiger Animositäten.

Im Verlauf ihrer drei Jahrzehnte langen Geschichte als Parlamentspartei wurden die Konfliktlinien nicht weniger. Kriechbaumer erzählt von der Transformation der Parteizentrale, die von einem Ökobüro zu einer Marketingagentur wurde, unter den Parteichefs Alexander Van der Bellen und vor allem unter Eva Glawischnig. Sie vereinheitlichte und professionalisierte den Außenauftritt der Grünen, wollte mit neuen Formen des Wahlkampfs das Wählerpotenzial maximieren und vergrätzte dabei viele altgediente Funktionäre.

Es war aber auch dieses Marketingteam, das die österreichischen Grünen zur erfolgreichsten Grünen-Partei Europas machte und an ihrem Höhepunkt Alexander Van der Bellen in die Hofburg brachte. Ein Pyrrhussieg, wie sich später herausstellte, auf den der in aller Öffentlichkeit ausgetragene Konflikt mit den Jungen Grünen folgte, der Abgang der langjährigen Parteichefin Eva Glawischnig, die Abspaltung der Liste Pilz und am (vorläufigen) Ende der Rausfliegen aus dem Parlament.

Ausführlich werden auch die Landesparteien geschildert, die oftmals fernab von Wien ganz eigene Entwicklungen durchmachten. Man zog in Landesregierungen ein, musste lernen, Kompromisse zu schließen und eine Politik mitzutragen, die sich vom einst dogmatischen Zugang entfernte. Und als würde sich die Geschichte umgekehrt wiederholen, entstanden in den vergangenen Jahren nach Zerwürfnissen wieder verschiedene Abspaltungen, die miteinander konkurrieren.

Das Buch ist keine tiefgehende Analyse der grünen Tragödie, sondern eher eine umfangreiche Chronologie der Partei, die nicht mit Namen und Daten geizt. Es gibt viele Einblicke in Ereignisse, die im tagespolitischen Trubel untergegangen oder schon längst vergessen sind. Und auch den als Frage formulierten eigenen Titel Nur ein Zwischenspiel? lässt es am Ende unbeantwortet.

Robert Kriechbaumer: Nur ein Zwischenspiel (?) Die Grünen in Österreich von den Anfängen bis 2017; Boehlau Verlag, Wien 2018; 650 S., 47,– €