Über Musik zu schreiben ist ein schwieriges Unterfangen. Niemals kann ein Wort einen Klang wiedergeben, eine Metapher eine Melodie. Selbst meisterhaft formulierte Sätze erreichen niemals einen Satz aus einer Sinfonie. Geschriebene Sprache aber kann einen Tonfall treffen – und wenn das gelingt, fügen sich sprachliche und musikalische Komposition vielleicht tatsächlich zusammen wie die zwei Seiten eines gotischen Bogens, die "sich begegnen, ja, / aber / nicht berühren, / zwei wiegenartige Ogiven […] / ganz sacht, ganz sacht, ganz sacht, ganz sacht".

Solche Sätze formuliert Stéphanie Kalfon in ihrem Debütroman Die Regenschirme des Erik Satie. Was sie mit ihnen versucht, ist so unerhört wie scheinbar unmöglich: 93 Jahre nach Saties Tod schreibt die 1981 geborene Filmregisseurin eine biografische Hommage auf den Komponisten, die den Klang seiner Musik einfangen will. Kalfon benutzt dazu Briefe, Schriften, überlieferte Aussagen und, besonders wichtig, die rätselhaften Spielanweisungen in Saties Partituren: "ganz sacht", "in Weiß und völlig reglos", "blass und feierlich", "wahrhaftig, zurückhaltend, edel. Abwarten. Sagen. Crescendo." So möchte man schreiben können. Die Autorin versucht es. Sie webt Saties Spielanweisungen in ihre elliptisch kreisenden Sätze ein, als wären ihre Worte Musik.

Der "Monsieur le Pauvre" genannte Komponist, geboren am 17. Mai 1866, ist heute bekannt für handliche, eher für den Café-Hintergrund geeignete Klaviermusik. Musique d’ameublement nannte Satie sein durchaus provokatives ästhetisches Konzept: Musik, der nicht aktiv zugehört werden, sondern die sich wie beiläufig in den Raum ergießen soll. Gleichzeitig hatte sein Werk – darunter kubistisch, surrealistisch, dadaistisch anmutende Ballette wie Socrate und Parade – großen Einfluss auf die Moderne und die Minimal Music. Im Konzert hört man seine Musik heute kaum. Bei Kalfon ist er ein Unverstandener, ein einsamer und verunsicherter Mensch, traumatisiert durch den frühen Tod seiner Mutter, seiner kleinen Schwester, seines Vaters. Ein Mann, der über sich selbst sagte: "Ich bin sehr jung in eine sehr alte Welt gekommen." Satie, der irgendwann die Taktstriche aus seinen Kompositionen entfernte, hatte sich auch vom Leben, vom Takt der Gesellschaft entfernt.

Der Roman über Satie ist nicht einfach eine literarische Biografie, wie sie jüngst Julian Barnes mit Der Lärm der Zeit über Dmitri Schostakowitsch schrieb. Das Buch bildet den Kompositions- und Schreibstil Saties unmittelbar nach. Die Innenwelt des Roman-Komponisten klingt wie Satie. Welche Sätze des Romans wirklich von Satie stammen und welche nur die der Romanfigur sind, ist letztlich unwichtig – denn es bleibt vor allem ein Klang zurück, durchsichtig und hell.

Stéphanie Kalfon: Die Regenschirme des Erik Satie. Roman; aus dem Französischen von Nathalie Mälzer; Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2018; 193 S., 22,– €