Seit Ernst Baumeister den Bundesligaverein Admira Wacker trainiert, hat er ein Problem: Er gewinnt zu oft. Ständig wollen Reporter seine Wunderformel erfahren, doch der 61-jährige Wiener winkt ab. In breitem Dialekt erklärt er, dass es nichts zu erklären gebe: "Man braucht nichts verkomplizieren. Es gibt kein Geheimnis im Fußball."

Am urigen Baumeister wird der Wandel des Fußballbetriebs deutlich: Während der Markt von Taktikprofessoren, akademischer Sprache und viel Wissenschaft überschwemmt wird, bleibt Baumeister ein Mann der alten Schule, der alles so einfach wie möglich halten will. Er ist der letzte Vertreter einer aussterbenden Trainer-Zunft: ein Schmähführer und Übungsleiter, ein "Gehts ausse, und spüts eicha Spü"-Original mit Hang zum Laissez-faire. "Durch viele Konzepte verunsichert man die Spieler noch mehr", erklärte er zuletzt. Baumeister hat Erfolg damit. Seine Mannschaft, eigentlich ein Abstiegskandidat, hat sich für den Europacup qualifiziert und spielt erfrischenden Fußball.

Der Trainer ist einer aus der goldenen Córdoba-Mannschaft, die das deutsche Team 1978 bei der Weltmeisterschaft in Argentinien demütigte. Alle von damals sind bis heute Helden. In diesen Tagen jährt sich das "Wunder" zum vierzigsten Mal. Einige wie Herbert Prohaska und Hans Krankl haben ihren Status vergoldet, sind Fernsehexperten und geschäftstüchtige Werbegesichter. Während sie sich aber als Trainer schon lange im Ruhestand befinden, steht der frühere Mittelfeldspieler Baumeister in kurzer Hose und Trikot auf dem Trainingsplatz des FC Flyeralarm Admira Wacker. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Der Fußballbetrieb hat sich radikal gewandelt und die Córdoba-Legenden aus dem Markt verdrängt.

Vom romantischen Spiel der elf Freunde dieser Generation ist wenig über. Heute führen Trainer mit professoralem Ernst die Spieler wie an einer Leine über den Platz und pauken ihnen vorgefertigte Spielzüge ein. Früher zündeten sich die Kicker auch in der Kabine eine Kippe an, heute strampeln sie schon frühmorgens auf dem Ergometer, ernähren sich diszipliniert und erzählen wie Roboter nur das, was ihre Vereine hören wollen. Aus dem instinktgesteuerten Spiel wurde eine Wissenschaft, aus dem Vereinsmilieu ein steril inszeniertes Produkt.

Den Coach Baumeister, breites Grinsen, viele Lachfalten, lockere Sprüche, tangiert das wenig. Nach dem Training huscht er neben die Kabine und steckt sich eine Zigarette in den Mundwinkel. "Das Laster hab ich nie losbekommen", sagt er, setzt sich auf einen Klappstuhl, zieht die Schuhe aus und legt die Füße hoch.

Sein Arbeitsplatz hat sich den Fußballcharme der siebziger Jahre bewahrt. Maria Enzersdorf vor den Toren Wiens, ein kleiner Trainingsplatz, daneben die Umkleide, der einzige Zaungast hockt auf einer morschen Holzbank. Jeder kennt jeden, Baumeister mag das. Sein Wohnhaus steht fünf Minuten entfernt. "Hier ist es gemütlich", sagt er und grinst. Die Fußballlegende trägt graues Haar, den Pullover hat er übers T-Shirt geknotet. Als Spieler wirkte er verwegen, mit wilden Locken und kräftigem Schnauzer – heute sieht er aus, als wolle er zum Flanieren auf die Seepromenade. Beim Training gibt er den entspannten Schmähführer. Während sein junger Co-Trainer auf dem Rasen Kommandos gibt und Übungen erklärt, steht Baumeister etwas abseits neben einem Berg von Fußbällen. Wird ein Ball verschossen, kickt er einen neuen ins Feld.

Der 61-Jährige mag die Jugend und findet auch einen Draht zu ihr. Manchmal versteht er sie aber nicht mehr. Es irritiert ihn, dass seine Spieler nicht in der Kabine hocken und ein Bummerl ausschnapsen, sondern ständig auf ihre Handys starren. Wer Baumeisters Zugang verstehen will, muss die Fußballepoche kennen, in der er groß wurde. Aufgewachsen in Wien-Favoriten, Wienerfeldsiedlung, die Mutter Näherin, der Vater Maurer, lag nur eine Straße zwischen seinem Zuhause und dem Fußballplatz. Das Profikicken steckte damals noch in den Kinderschuhen. Baumeister lernte ein Jahr den Beruf des Stahlschlossers, ehe ihn die Wiener Austria um 50.000 Schilling kaufte und er seine Lehre hinschmiss – weil für Mittwoch Berufsschulunterricht angesetzt war, aber auch ein Bundesligaspiel. Zehn Jahre lang bolzte er mit denselben Spielern in einem Team. Sie fuhren gemeinsam in Urlaub, halfen einander bei der Reparatur ihrer Autos und sind bis heute Freunde.

Das Mannschaftsgefüge schweißte zusammen. Damals organisierten er und seine Kumpel selbst, wie gespielt wurde. Er kann nicht verstehen, dass die heutigen Trainer den Spielern dies nicht durchgehen lassen. "Die Jungen wollen alles planen, aber das geht nicht. Die Spieler müssen auf dem Feld auch selber entscheiden." Baumeister entschied immer selbst. Er galt als schwieriger Spieler, direkt und unverblümt. Im Nationalteam legte er sich als alternder Star mit Teamchef Josef Hickersberger an, der ihn auf die Bank gesetzt hatte. Beim Abflug zum nächsten Spiel tauchte er einfach nicht auf.