Die Fahrt in eine andere, bessere Welt dauert eine knappe Stunde. Wie so oft in den vergangenen Monaten steigt Susanna F. nach der Schule in den Bus der Linie 6, der sie von Mainz über die Rheinbrücke nach Wiesbaden bringt. Weg von der Schule, in der sie gemobbt wird, hin zu ihrer Clique, zu ihren Freundinnen, zu Azad*, dem Jungen, für den sie schwärmt.

Es ist der 22. Mai, ein Dienstag. Und es sieht so aus, als stünde ein schöner Tag bevor.

Stattdessen wird es ihr Todestag.

An der Schwalbacher Straße steigt sie aus und trifft ihre Freundin Zamira*. Die beiden umarmen einander und gehen zu Burger King, wo der Rest der Clique auf sie wartet.

Die Jugendlichen hängen hier häufiger rum, rauchen Zigaretten und manchmal Marihuana, wenn gerade jemand welches dabeihat. An diesem Nachmittag, so schildern es Susannas Freundinnen später, bestellen sie sich eine Cola. Susanna bietet an, dass ihre Mutter den Mädchen am Wochenende künstliche Fingernägel machen könne. Sie träumen von langen Nägeln, rot glänzend, mit einem Gucci-Zeichen auf dem Ringfinger – Insignien eines federleichten, sorgenfreien Lebens.

Als die Freundinnen eine Weile zusammensitzen, tritt Azad an den Tisch. Neulich hat er sich die Haare raspelkurz geschoren, wie so viele Jungs in der Clique. Azad stammt aus dem Irak, zusammen mit seiner Familie ist er 2015 nach Deutschland gekommen, im großen Flüchtlingstreck. Ihre Freundinnen wissen, wie sehr Susanna Azad mag. Auch Azad mag Susanna, aber nicht auf ihre Art. Er versteht sich als ihr Beschützer. Wenn die anderen Jungs sie ärgern, zieht er sie am Arm zur Seite oder stellt sich vor sie.

An diesem Abend ist Azad aufgeregt, er läuft unruhig im Lokal herum. "Mein Bruder ist da", sagt er und bittet die Mädchen: "Geht nicht raus." Und dann, so erinnern sich zumindest Susannas Freundinnen, habe er noch einmal gesagt: "Hängt nicht mit ihm ab."

Azad ist erst 14 Jahre alt, er ist beliebt und aufgeschlossen, ganz anders als sein älterer Bruder Ali Bashar. Ali ist bereits 21, er ist manchmal in der Innenstadt dabei, aber er ist weder beliebt noch aufgeschlossen. Wenn Azad der gute Bruder der Familie ist, dann ist Ali der schlechte.

Während Azad und die Mädchen am Tisch sitzen, blickt Ali durch die Scheibe der Burger-King-Filiale herein. Als Susannas Clique gegen 19.30 Uhr aufbricht, steht er noch immer vor dem Schnellrestaurant. "Komm mit", fordert Zamira ihre Freundin Susanna auf. Aber die will nicht. "Ich fahr später", habe sie geantwortet, so erinnert sich Zamira. Zum Abschied nehmen sich die Mädchen noch in den Arm. Bis morgen dann.

Am Morgen ist Susanna tot. Erstickt und wahrscheinlich auch vergewaltigt von Ali Bashar, der nun in einem Frankfurter Gefängnis sitzt und die Tötung gestanden hat, aber die Vergewaltigung bestreitet. Sein Gesicht ist in ganz Deutschland bekannt. Seine Tat wird als Beispiel angeführt für eine danebengegangene deutsche Flüchtlingspolitik.

Nicht nur für Susanna und ihre Familie, auch für die Debatte um die Asylsuchenden ist der brutale Mord eine Katastrophe. Er führt aus dem rauen Milieu von Teenagern, die in der Wiesbadener Innenstadt ihre Zeit verbummeln, hinein in die große Politik, bis nach Berlin, wo die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit ihrem Innenminister Horst Seehofer (CSU) um neue Regeln für die Flüchtlinge ringt.

Deutschland ist wund gerieben, die Gesellschaft polarisiert, der Diskurs vergiftet. Die überwältigende Mehrheit der Flüchtlinge verhält sich friedlich und unauffällig, aber ein Verbrechen wie das von Wiesbaden zeichnet das Zerrbild mordlüsterner Fremder, die von einem angeblich wehrlosen deutschen Rechtsstaat nicht zu stoppen seien.

Und es stimmt ja, dass dieser Rechtsstaat damit überfordert war, eine Million Menschen zu mustern, zu verarzten und zu integrieren – oder aber jene, denen kein Bleiberecht zusteht, zurück in die Heimat zu schicken.

Das Drama von Wiesbaden wäre vermutlich anders verlaufen, hätte das zuständige Verwaltungsgericht schneller über Ali Bashars Klage entschieden. Sein Asylbegehren war abgewiesen worden, und er hatte sich dagegen juristisch zur Wehr gesetzt. Doch das Verfahren blieb anderthalb Jahre unerledigt. Deshalb hielt sich der Täter in jener verhängnisvollen Nacht im Süden von Wiesbaden auf und nicht im Norden des Irak.