Als ich Mitte der Achtziger im Alter von 20 Jahren mit dem Fasten anfing, gab es noch keine Ramadan-Festivals in Deutschland, keine Open-Air-Iftars und auch keine gegenseitigen offiziellen Einladungen zum Fastenbrechen. Wir haben zu Hause das Fasten gebrochen, ganz schlicht.

Erst während meiner Studienaufenthalte in Damaskus und Kairo Ende der 80er Jahre entdeckte ich dieses spezielle Ramadan-Feeling: Nach dem Essen nach Sonnenuntergang füllten sich die Straßen mit Menschen, die Geschäfte hatten geöffnet. Die Cafés und Shisha-Lokale waren prall gefüllt wie auch die Moscheen, und im Fernsehen liefen eigens für den Ramadan produzierte Sendungen.

In Deutschland herrschte dagegen Ruhe. Das Leben nahm seinen normalen Gang. Manchmal gingen wir daher abends ins Kino, um die Atmosphäre des Ramadan zu simulieren. Mittlerweile jedoch hat das Ramadan-Gefühl der islamischen Welt auch Deutschland erfasst: Seit einigen Jahren feiern Muslime nach Sonnenuntergang auf öffentlichen Plätzen und in Parks, in eigens dafür angemieteten Hallen und Restaurants. Dazu gehören auch offizielle Einladungen an Nichtmuslime, die gern angenommen werden. Immer mehr Muslime möchten gemeinsam das Fasten brechen, nicht allein zu Hause sitzen. Zudem gilt gemeinsames Fastenbrechen als verdienstvoller vor Gott.

In der islamischen Welt gibt es das öffentliche Fastenbrechen in erster Linie für arme Menschen, die sich kein Essen leisten können. Spender sind oft reiche Muslime, die anonym bleiben wollen. Abend für Abend werden so Tausende Menschen verköstigt. Dass der Ramadan auch hierzulande lebendiger wird, freut mich. Doch allmählich spüre ich Überdruss. Die Zahl der Veranstaltungen nimmt ständig zu. Die Veranstalter überbieten sich mit Teilnehmerzahlen, nach dem Motto: je größer, desto frommer. Zugleich wird das Fastenbrechen profanisiert zum Picknick mit Gästen aus Politik und Kirchen, die das Ganze durch ihre Präsenz adeln sollen. So feiern Muslime vor allem eins: sich selber.

In der Öffentlichkeit aber entsteht der Eindruck, es gehe beim Fasten nur um das gemeinsame Essen und Trinken am Abend. Doch Fasten ist mehr: Der Nahrungsentzug soll den Körper entlasten, damit sich der Geist auf das Spirituelle konzentrieren kann – so wie Mönche und Nonnen sich in Askese üben, um Gott näherzukommen.

Fasten ist eigentlich eine private Angelegenheit. Jeder Muslim, der fastet, erlebt den Ramadan auf eigene Weise. Und es gibt auch Muslime, die nicht fasten! Sie geraten durch die öffentliche Inszenierung des Fastenbrechens unter Druck. Denn ihnen wird der Eindruck vermittelt, es gebe nur dieses eine, traditionelle Islamverständnis: Muslime müssen fasten! Doch der Islam zeichnet sich durch eine große Pluralität in der Glaubensauslegung aus. Das eine Islamverständnis gibt es nicht. Der Islam ist mehr noch als andere Religionen ein Glaube, der Raum für den individuellen Zugang lässt. Das zeigt sich schon bei der Frage, wer überhaupt ein Muslim sei.

Bei allem Verständnis dafür, dass Muslime sich in Zeiten steigender Islamfeindlichkeit unter Druck fühlen und das Feiern als Befreiung empfinden, dass sie es auch nutzen, um gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen: Ich würde mir etwas mehr Zurückhaltung wünschen von denen, die ihren Glauben so öffentlich zelebrieren. Das täte auch ihnen selber gut.