Der Weg zu Felix Klein führt durch ein Labyrinth. Vom Haupteingang des Bundesinnenministeriums geht es um ungezählte Ecken, über leere Flure, Lift hinab, Lift hinauf, fünfter Stock, Gänge, Türen, Stille. Irgendwo am Knick eines Korridors ein Schild, Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland. Der Beamte sitzt in einem Eckbüro mit Blick über Baumwipfel, vom Leben Berlins sieht man nichts.

Klein ist ausgesprochen freundlich, das ist das Auffälligste an ihm. In seinem neuen Büro stehen an diesem Nachmittag Ende Mai Kisten und Bilder herum, fürs Einrichten war noch keine Zeit. Er bekomme alle möglichen Anfragen, sagt Klein. "Viele Juden sehen mich jetzt als ihren Anwalt." Auf seinem Schreibtisch liegt ein dottergelber Briefumschlag mit einer Dankeskarte, geschickt von den jüdischen Eltern eines kleinen Jungen. Felix Klein hat bei der Schulbehörde bewirkt, dass die Eltern ihn auf eine andere Grundschule schicken dürfen. Auf der ursprünglich vorgesehenen hatte es antisemitische Vorfälle gegeben. Auch der Junge hat die Karte unterschrieben, in krakeligen Großbuchstaben, JONATHAN. Klein lächelt.

Seit dem 1. Mai ist der Diplomat Felix Klein hauptamtlich für die Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland zuständig. Judenhass ist kein ganz neues Thema, seit ungefähr 2.500 Jahren ist er in der Welt. Er führte zu einem beispiellosen Menschheitsverbrechen, der Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden durch Deutsche. Der Antisemitismus lauert noch immer in der Gesellschaft, wie Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, deren Bergung mitunter ganze Stadtteile lahmlegt. Die Friedrich-Ebert-Stiftung ermittelte, dass sechs Prozent der Deutschen ein klassisch antisemitisches Weltbild haben, mit rassisch-religiösen Stereotypen, "Geldjude", "Weltverschwörung". Der moderne Antisemitismus trägt eher das Gewand der Israelkritik: Der Aussage "Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat" stimmen 40 Prozent der Deutschen zu.

Angegriffen

Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) © ZEIT-Grafik

Zuletzt verbrannten pro-palästinensische Demonstranten israelische Flaggen vor dem Brandenburger Tor. Juden wurden auf offener Straße bepöbelt und angegriffen. Der Zentralrat warnte vor dem öffentlichen Tragen der Kippa. Zwei Rapper mit antisemitischen Songtexten bekamen den Musikpreis Echo verliehen. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte eine Karikatur mit antisemitischen Stereotypen. Der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland verharmloste "Hitler und die Nazis" – und damit auch den Holocaust – als "Vogelschiss".

Man kann in der Zunahme solcher Vorfälle eines der größten Probleme dieses Landes sehen. Die Lösung der Bundesregierung heißt Klein. Sein Aufgabenkatalog ist, zurückhaltend gesagt, komplex: Er soll ressortübergreifend Maßnahmen koordinieren, Ansprechpartner für jüdische Gruppen und gesellschaftliche Organisationen sein und "zur Sensibilisierung der Gesellschaft für aktuelle und historische Formen des Antisemitismus durch Öffentlichkeitsarbeit sowie politische und kulturelle Bildung beitragen", so steht es im Bundestagsbeschluss. Und das angesichts zweier Zahlen, die Klein in seinen Antrittsreden immer wieder nennt:

Acht von zehn jüdischen Deutschen finden, dass der Antisemitismus in Deutschland spürbar zunehme.

Acht von zehn nicht jüdischen Deutschen finden, dass der Antisemitismus kein vordringliches Problem mehr sei.

Was kann Felix Klein da erreichen?

Das Bundesverdienstkreuz für einen Punk? War vielleicht keine so gute Idee

Braunschweig, Anfang Mai. In der Stadtbibliothek wird die Ausstellung 1938Projekt des Leo Baeck Instituts eröffnet, 80 Jahre nach der Reichspogromnacht zeigt sie zwölf persönliche Geschichten jüdischer Zeitzeugen. Es ist Kleins erster öffentlicher Auftritt im neuen Amt. Auf die Frage, warum er sich dafür nicht die Hauptstadt, sondern das kleine Braunschweig ausgesucht habe, erzählt er von Lessing. Der schrieb sein Drama Nathan der Weise mit der berühmten Ringparabel im nahen Wolfenbüttel. Jüdische Kultur sei in der Gegend tief verwurzelt, sagt Klein. "Andererseits ist die Region ja extrem belastet. Sie war schon Ende der Weimarer Zeit ziemlich braun." Im Mai 1938 legte Hitler in Wolfsburg den Grundstein für das Volkswagenwerk.