"Was? Warum willst du WM nicht sehen? Machst du große Fehler, Dima! Putin spielt ja nicht selber mit Fußball." Ahmed geht einen Schritt vom Dönerspieß weg und bekräftigt seine Worte, indem er gegen einen imaginären Ball tritt. Dann starrt er mich für eine Weile entgeistert an. Seit vierzehn Jahren esse ich Döner in Ahmeds Lokal, seit vierzehn Jahren sprechen wir dabei über Fußball. Mal dreißig Sekunden lang, mal den halben Tag. Wenn ich ihn um drei Uhr morgens anriefe, um über Manchester Citys Transferpolitik zu debattieren, ich bin mir sicher, er würde sich kurz fassen – und um fünf wieder auflegen. Ich weiß in Ahmed einen wahren Fußifreund, und er weiß ihn in mir. Vielleicht ist das die oft gerühmte Brücke, die Sport bauen kann. Es wäre eine recht schmale Brücke, denn sonst wissen wir fast nichts voneinander.

Zumindest weiß ich, dass Ahmed ein schöneres Argentinientrikot besitzt als das, was er heute zur Arbeit angezogen hat, und dass sein zehnjähriger Sohn genauso fußballversessen ist. Dass Ahmeds Sohn das Heimatland seines Vaters, den Irak, nie gesehen hat. Als die irakische Nationalmannschaft 2007 Asienmeister wurde, schmiss Ahmed seine Schürze in die Ecke und tanzte durch die Straßen Leipzigs: "Der Irak ist Nummer eins! Wir sind vom Krieg ausgeblutet, von der Welt verraten und trotzdem Nummer eins!" Und nun behauptet er mit gedämpfter Stimme, als könnten uns die Falschen hören, dass ich Sport und Politik trennen müsse. Dass das zwei völlig verschiedene Dinge seien.

Ich glaube nicht, dass sie das sind. Zumindest nicht auf so grenzenlos eindeutige Weise, wie es Sportfunktionäre gern behaupten, um Geld zu verdienen. Wie alle anderen habe ich mich gesehnt nach diesen süßen, ewigkeitsschwangeren Wochen. Vier lange, kalte Jahre. Aber sosehr ich wissen will, ob Messi endlich einen wahren Maradona abliefert, ob Neuers Fuß hält, so begierig ich darauf bin, den französischen Wirbelsturm Mbappé-Dembélé-Griezmann über die Welt herziehen zu sehen – diesmal verzichte ich.

"Ich kann mir keinen Fußball anschauen, bei dem Putin vor der ganzen Welt große Reden schwingt und wie eine Grinsekatze auf der Tribüne hockt, während er Assad an der Macht hält. Einen Mörder, der Giftgas gegen Zivilisten einsetzt", sage ich zu Ahmed. 400.000 syrische Tote, elf Millionen Geflüchtete. Das ist der Grund, warum ich diese WM boykottiere. Nicht zu vergessen den Krieg im Osten der Ukraine. Die Annektierung der Krim (übrigens wenige Tage nach den Olympischen Spielen in Sotschi 2014). Das abgeschossene Passagierflugzeug MH17. Das ganze Hacken für Trump und andere Menschenfeinde. Dazu stets die gleiche verlogene "Russland hat nichts getan, und die anderen machen es doch auch"-Propaganda.

Wie kann man als Weltgemeinschaft ernsthaft diese Putin-Show unterstützen, das Prestigeprojekt eines autokratischen Regimes? Den Sport Sport sein lassen und nach dem Finale wieder zu den politischen Realitäten zurückkehren? Hören sie für fünf Fußballwochen auf zu existieren? Großbritannien, Island, Schweden, Polen, Japan und Australien immerhin haben angekündigt, kein Regierungsmitglied zu entsenden. 60 EU-Abgeordnete haben die europäischen Staatsoberhäupter zum Boykott aufgerufen, damit die nicht als Propagandamaterial auf russischen Stadiontribünen dienen.

"Das Problem mit Syria ist nicht Russland", flüstert Ahmed nun fast und tropft Kräutersauce in mein Fladenbrot. "Der Krieg geht weiter, weil die Araber sich nicht einig werden. Iran, Saudi-Arabien: Alle verdienen am Krieg. Und was mit USA?"

"Das macht es aber nicht richtiger, Ahmed."

Er schnalzt unzufrieden mit der Zunge und macht eine wegwerfende Handbewegung, als wäre ich eine kaputte Waschmaschine: "Ich sage dir, Dima: Alle gucken trotzdem. Das bringt null."

Allzu viel Hoffnung machen einem die Geschichtsbücher tatsächlich nicht. Besser gesagt, das Geschichtsblättchen mit den spärlichen Beispielen. 1980 nahmen die USA und einige ihrer Verbündeten nicht an den Olympischen Spielen in Moskau teil, als Anlass diente der Einmarsch sowjetischer Streitkräfte in Afghanistan. Was eher als kalte Kriegsführung denn als Gewissensentscheidung einzuordnen ist. Ebenso die Retourkutsche der UdSSR vier Jahre später bei den Spielen in Los Angeles. Ein politischer Erfolg? Na ja.

Einen Lichtblick gibt es aber. Aus der nordamerikanischen Football-Liga NFL. Vor zwei Jahren kniete Colin Kaepernick, damals noch Quarterback der San Francisco 49ers, während der Nationalhymne, statt strammzustehen. Er wollte auf die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner und den Rassismus in den USA hinweisen. Kaepernick wurde entlassen, doch weitere NFL-Spieler wiederholten seine Protestgeste. Donald Trump hat sie dafür gewohnt präsidial als Hurensöhne bezeichnet. Und nun wird die NFL von zwei Seiten boykottiert: von afroamerikanischen Zuschauern, die Kaepernicks Rehabilitierung fordern. Und vom rechten Amerika, das möchte, dass "die Fahne respektiert wird". Die Einschaltquote ist um 20 Prozent abgemagert, die Ligaverantwortlichen sind in Panik. Das ermutigt mich. Denn am Ende entscheiden womöglich die Sponsoren, wann Sport politisch ist und wann nicht. Und das gibt dem Publikum politische Macht.

Ich nehme mir also vor, keine der 63 WM-Partien zu schauen. Nicht die vernachlässigbaren Marokko–Irans der Vorrunde. Und auch nicht jene Spiele, die zu verpassen den Fußballfan in mir sein Leben lang schmerzen wird. Wie Zidanes 90-minütiges Zauberstück gegen Brasilien 2006, Schweinsteigers irren Kampf im Finale 2014. Dieses Mal nicht. Ich werde standhaft bleiben.

Sonst bin ich es eher nicht. Bin immer noch bei Facebook, obwohl es mich verblödet und meine Daten instrumentalisiert. Esse immer noch Fleisch, obwohl ich Tiere liebe und Verzicht einer der wenigen Alltagshebel wäre, um den Klimawandel zu bremsen. Lache immer noch über Louis C. K., obwohl er ein sexistischer Wichser ist. Keine Ahnung, ob ich länger als bis zum Achtelfinale durchhalte.

Wie schaffe ich es überhaupt, am Weltfußball vorbeizukommen? Kein Facebook, kein Twitter, keine Zeitung? Kein Small Talk, kein sommerliches Grillen plus Glotzen? Und das auch noch allein. Mein liebster Fußifreund Pascal weiß noch nichts von meinem Vorhaben. Er hat zu globaler Geschichte promoviert und schläft in 1.-FC-Köln-Bettwäsche. Noch schickt er mir nichtsahnend Links zu Fußballartikeln. Mein Kumpel David ist weg von Facebook und vegan, aber den Fußi verraten? Niemals. Auch mein Vater schläft noch ruhig und freut sich darauf, seinen Sohn bei jedem schönen, genau genommen bei jedem Tor anzurufen. Um zu fragen, ob ich das Tor gesehen habe. Woraufhin ich bestätige, dass ich das Tor gesehen habe. Dann beenden wir zufrieden ein gutes Gespräch.

Ihm wird das Herz ins Abseits fallen. Und als antirussisch wird mich meine russische Familie ohnehin beschimpfen.