Es ist mitten in der Nacht, als sich Gerhard Feige, der Bischof von Magdeburg, an seinen Computer setzt und eine Art Manifest eintippt. In den folgenden Stunden wird er darin dem einflussreichen Kardinal von Köln seine Meinung sagen. Er wird dem Vatikan in Rom vorhalten, dass er nicht verstehe, was dort passiert. Wird Sätze aufschreiben, die am nächsten Tag nicht nur das katholische Deutschland in Aufruhr versetzen. "Die Enttäuschung ist bei vielen groß, der Schaden noch nicht abzusehen", formuliert er. Es herrsche "Verbitterung", "Resignation". Von "Eskalation" und "neuen Wunden" schreibt Feige, von "Doppelmoral", "Schwarz-Weiß-Denken" und "unschönen Methoden".

Was hat den Bischof von Magdeburg nur so erzürnt?

Oberflächlich ist es der Umstand, dass Rom es der Ökumene wieder ein Stück schwerer gemacht hat – wo doch Gerhard Feige schon lange für etwas mehr Annäherung von Katholiken und Protestanten kämpft.

Tatsächlich geht es um mehr: Um die Frage, wie ernst Kirche in der Diaspora genommen wird. Wie viel Gehör einer findet, dessen Bistum zwar riesengroß ist – aber nur etwa 83.000 Katholiken zählt. Es geht um die Frage, wie Machtstrukturen in der katholischen Kirche funktionieren.

Der Anlass für Gerhard Feiges Zorn ist das Vatikan-Schreiben, das die von den deutschen Bischöfen geplanten Erleichterungen bei der Kommunion revidierte: Mit Dreiviertelmehrheit hatten die Bistumschefs vor Monaten beschlossen, dass auch Protestanten, unter bestimmten Bedingungen, gemeinsam mit ihrem katholischen Ehepartner am Abendmahl teilnehmen können. Es war vor allem Feiges Entwurf, in der Bischofskonferenz ist er für die Ökumene zuständig.

Allerdings hatten sich sieben konservative Bischöfe um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki in Rom über den deutschen Beschluss beschwert – ihr Ziel: Der Vatikan solle die Ökumenepläne, die ihnen zu weit gehen, wieder einkassieren. Mit dem Brief gab Rom diesen Bischöfen recht. Deshalb also Feiges Wutausbruch.

Dass ein Bischof seine ehrliche Enttäuschung über die Mitbrüder öffentlich macht, geschieht selten. Auch dieses Mal haben viele Bischöfe geschwiegen. Selbst der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, ließ seinen Sprecher nur wenige Sätze verbreiten. Plötzlich gilt Gerhard Feige aus Magdeburg also als Rebell. Wer ist dieser Mann?

Es waren Worte der Wut, aber keine Sätze im Affekt

Am Mittwochabend vergangener Woche steht Feige in der Sakristei der Magdeburger Kathedrale. Seit wenigen Stunden ist sein Text in der Welt, Feige aber ist an diesem Abend ganz ruhig seiner Arbeit nachgegangen, hat gerade ein Pontifikalamt gefeiert, eine große Messe mit viel Weihrauch, gerade hat er noch seinen Bischofsstab getragen. Unter denjenigen, die nach der Messe noch ein Glas Wein trinken, sticht er jetzt kaum heraus: Feige ist nicht besonders groß, er trägt kein opulentes Bischofsgewand, sondern ein weißes Priesterhemd, darüber ein Sakko. Gerade haben sie ihm in den Fürbitten während der Messe viel Weisheit und Kraft gewünscht. Zur gleichen Zeit titelt Spiegel Online: "Magdeburger Bischof kritisiert den Papst". Der Bischof gegen die Mächtigen und die Weltkirche.

Feige verlässt die Sakristei, eine Aktentasche in der Hand. Wie geht es Ihnen jetzt? Er lächelt, kommen Sie mit rüber ins Ordinariat. Es geht kurz über die Straße. Die Verwaltungszentralen großer Bistümer wie Köln oder München belegen ganze Häuserzeilen, Feiges Ordinariat passt auf wenige Etagen.

Der Bischof setzt sich an einen kleinen Besprechungstisch. Es ist stickig. Seine Sprecherin reicht immer wieder neues Wasser, der Chef würde jetzt kaum darum bitten, dafür ist er zu konzentriert. Feige spricht ruhig, er wirkt ganz zufrieden: "Bisher sind die Reaktionen überwältigend positiv." So viel Zuspruch habe er noch nie bekommen. Es waren Worte der Wut, aber keine Sätze im Affekt: In seiner Verwaltung gilt der 66-Jährige als Perfektionist. Jedes Wort wird vielfach abgewogen, bevor es stehen bleibt.

Wer mit Feige spricht, merkt: Sein Schreiben ist auch eine Emanzipation aus der persönlichen Geschichte heraus. Es ist der Ausbruch eines ostdeutschen Theologen, der die Arroganz mancher reicher, konservativer Bistümer im Westen und Süden nur schwer aushalten kann. Für ihn geht es darum, wie seine Kirche überleben kann.