Mit ein wenig Fantasie könnte man sich in einem internationalen Pfadfinderlager wähnen. Gerade ist Mittagspause: Teller mit Spaghetti auf dem einen Tisch, nebenan Pommes, große Salatschüsseln. Die Kids wieseln umher, Franzosen in chicen tiefblauen Hemden, die Italiener in bianco, drumherum viele Kleingruppen mit schwarz-rot-goldenen Diagonalstreifen wie eine Schärpe. Die bunten Sitzsäcke auf dem Wiesenhügel daneben sind ebenso umlagert wie vis-à-vis die große Wand mit endlosen Zahlentableaus.

Am Zelt steht "Tournament Office". Wir sind, wie man hier knapp sagt, bei den GBGO in SLR, bei den Allianz German Boys and Girls Open 2018 in St. Leon-Rot bei Heidelberg. Die besten 207 Jungen und Mädchen im Alter von 15 bis 18 aus 21 Ländern spielen Anfang Juni in drei Runden um den Titel. Ein Mädchen mit dickem blondem Zopf erzählt ihrer Freundin vor der Ergebnisanzeige: "Ich lieg da vier Meter neben der Fahne zum Eagle – und spiel ein Par. Wie blöd." Und geht zum Übungsgrün, um die Pfade zum Loch besser zu finden.

Die Kurpfalz beheimatet das größte Golfturnier dieser Art auf dem Kontinent. "Definitiv ist das so was wie Major bei den Profis", sagt Sebastian Rühl, 35, der Mädchen-Bundestrainer, "kaum vergleichbar für Kids in Europa", allein 37 junge Frauen aus Deutschland seien am Start, darunter seine zehn Kaderspielerinnen 2018, das "Junior Team Germany".

Geschlagene 19 Runden von 69 und besser sind am ersten Tag gespielt, der Sylter Frederik Strandberg, gerade 17 geworden und nicht mal im Nationalteam, kommt strahlend mit einer tollen 64 zurück. Kaderspielerin Nina Lang aus Ingolstadt, auch 17, Handicap +1, ist gar nicht zufrieden. Das Spiel sei in Ordnung gewesen, erzählt sie, ein bisschen Pech dabei, okay, aber das Ergebnis: 77, unterirdisch. Und jetzt? "Ich fahr nach Mannheim trainieren", sagt sie eine halbe Stunde nach dem letzten Putt. Der Trainer shuttelt sie die 60 Kilometer. hin und her. Nach drei Stunden intensiven Übens ist sie am Abend müde zurück. Duschen, essen, schlafen. Zwei Runden stehen noch aus.

Der Deutsche Golfverband muss hart um Nachwuchs kämpfen. Die Mitgliederzahlen steigen zwar, aber die Kinder bleiben aus: Statt 52.000 wie vor zehn Jahren sind es nur noch gut 40.000. Dabei hat das erfolgreiche Verbandsprogramm Abschlag Schule, alimentiert mit jährlich rund einer Million Euro, seit 1999 über 150.000 Kinder erreicht. Gut die Hälfte aller Clubs machen mit bei den Schnupperwochen für Grundschüler. Aber zu wenige Kinder bleiben. Der DGV beklagt den "Trend zum spaßorientierten, informellen Sport". Und: Golf ist halt keine App.

Celina, Anni, Paula und Hannah, alle vier im deutschen Nationalkader mit Plus-Handicap, erzählen nach ihren Auftaktrunden von den Vorurteilen in ihren Schulen. "Golf ist ja gar kein Sport", hören sie immer mal wieder, "einmal hat das sogar ein Lehrer gesagt." Empörtes Lachen rundum. "Echt ..., krass ... ?" – Wenn ein Lehrgang in Portugal war, hieß es von Mitschülern: "Na, schönen Urlaub gehabt?" – "Golf ist olympisch!", wirft Celina, 16, ein. Alle nicken. Braucht es mehr Argumente? "Man findet auf der ganzen Welt Mitspieler und schließt schnell Freundschaften", sagt Anni, 17, und schaut jugendweise voraus: "Und man kann es ewig spielen."

Celinas Heimatplatz St. Leon-Rot ist ein Golfparadies. Da sind nicht nur die zwei Championship-Plätze, auf denen Tiger Woods dreimal die German Open gewann. Es gibt weite Übungsgrüns, Driving Ranges, Indooranlage, Athletikzentrum (gerade im Bau) und seit diesem Jahr das einmalige Wedge-o-drom: eine wellige Landschaft, vier Fußballplätze groß, mit spektakulären Topfbunkern (bis 2,20 Meter tief), sehr verschiedenen Rasenflächen mit einem 103 Meter langen Grün in der Mitte. Alles umrahmt von einer LED-Flutlichtanlage mit 350 Lux, von den Naturschutzbehörden abgenommen. Da lacht die Fledermaus. Und der Golfer kann auch abends bis zu 70.000 verschiedene Schläge trainieren.

Auffallend viele Kids putten und pitchen hier herum. "Warum sollen die Kinder in den Dörfern ringsum untalentierter sein im Golf als sonst wo auf der Welt?", hat Dietmar Hopp, der Clubgründer, SAP-Milliardär und engagierte Jugendförderer, mal gefragt und für das Wedge-o-drom eines seiner Postsparbücher geplündert. In St. Leon-Rot gibt es 550 Mitglieder unter 18 Jahren – Deutschlandrekord. An den Allianz Boys and Girls Open nahmen allein 14 einheimische Mädchen teil. Drei der letzten fünf Meistertitel in der Damen-Bundesliga gingen hierher.

Patrick, Laurenz, Felix (jeweils 16) und Lukas (18), alle mit einem Handicap zwischen +2 und +3, sind vier der zehn deutschen Kaderspieler. Ihre erste Runde haben sie souverän gemeistert, alle unter Par. Was jetzt? Trainieren, sagen sie alle. Einer sagt, na ja, eigentlich müsste ich jetzt Bio lernen.

Einer der vier ist Laurenz Schiergen aus Köln. Als Achtjähriger fing er an; die Eltern spielten nicht, der hobbygolfende Opa hatte ihn animiert. "Acht klingt spät", sagt er, aber es gebe auch Spieler im Nationalkader, die mit neun oder zehn erstmals Hand an ein Eisen legten. Bei Laurenz musste sich Golf gegen Fußball und Tennis durchsetzen – beides "mit Leidenschaft im Verein gespielt". Heute geht er auf ein Gymnasium bei Neuss, nahe seines Heimatclubs Hummelbachaue (wo auch Martin Kaymers Coach Günter Kessler arbeitet), Heim- und Nationaltrainer sprächen sich gut ab, was wie zu feilen sei an Schwung & Co. Schule und Golf führen ein harmonisches Parallelleben: Notendurchschnitt in Klasse 11 zuletzt 2,2, Golfhandicap +2,4.