Die Vergewaltiger sind erwachsen geworden. Vor allem Dennis M. hat sich vom Kind zum jungen Mann entwickelt. Als er zum ersten Mal als Angeklagter im Landgericht saß, weil er an seinem 14. Geburtstag mit drei anderen reihum ein Mädchen sexuell missbraucht hatte, war er noch schlaksig und hager, sein Gesicht hatte weiche Konturen. Heute, zwei Jahre später, trägt er einen dunklen Bart. Damals schlenderte er im Trainingsanzug in den Saal, reckte die Arme siegesgewiss hoch und ließ sich von seinen Angehörigen auf der Zuschauerbank wie einen Popstar bejubeln. Heute blickt er nur selten scheu zu den Zuschauern hinter der Trennscheibe und gibt sich fast devot.

Doch es hilft ihm nichts. Zu vordergründig wirkt die Wandlung, zu aufgesagt die angebliche Reue. 2016 kam M. noch mit einer Bewährungsstrafe davon. Nun, im Revisionsprozess, ist die Milde vorbei. Die Jugendkammer des Landgerichts nimmt ihm die Läuterung nicht ab. "Wir haben vergeblich versucht, endlich eine Antwort auf die Frage nach dem Warum zu bekommen", sagt die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring beim Urteil. Die Kammer verurteilt Dennis M. zu drei Jahren Haft. Auch zwei weitere Vergewaltiger werden zu längeren Gefängnisstrafen verurteilt. Alexander K., der zunächst ebenfalls eine Bewährungsstrafe bekommen hatte, muss für zwei Jahre und neun Monate in Haft. Für Bosko P., in der ersten Instanz als Erwachsener schon zu vier Jahren verurteilt, werden es viereinhalb Jahre.

Das grausame Verbrechen, für das die jungen Männer nun zum zweiten Mal vor Gericht saßen, machte 2016 weit über Hamburg hinaus Schlagzeilen. Dennis M. hatte in einer kalten Februarnacht ein paar Freunde zu sich nach Harburg eingeladen, um seinen Geburtstag zu feiern, seine Mutter war nicht da. Ein Gast, Lisa H., hatte eine Freundin mitgebracht, nennen wir sie hier Tatjana. Man redete, feierte, trank. Tatjana, 14 Jahre alt, war irgendwann betrunken. Sie legte sich aufs Bett.

Zuerst ging Alexander K., damals 16 Jahre alt, zu dem besinnungslosen Mädchen. Danach Bosko P., 21. Als die beiden mit Tatjana fertig waren, sammelten sich auch die übrigen Anwesenden an dem Bett, in dem das bewusstlose Mädchen im eigenen Erbrochenen lag. Dennis M. und Zivorad S. dachten sich etwas aus, was für lautes Gejohle im Raum sorgte: Sie malträtierten Tatjana mit Flaschen und anderen Gegenständen. Lisa H., damals 15 Jahre alt, filmte das Geschehen mit ihrem Handy. Sie gab sogar Regieanweisungen. Auf dem Video ist ihr Lachen zu hören.

Irgendwann kam Tatjana zu sich. Sie fing an zu schreien. Da packten die jungen Männer sie, legten sie auf ein Bettlaken, schleiften sie in den Hinterhof und ließen sie nur mit Unterwäsche bekleidet dort liegen. "Wie Müll", sagte der Vorsitzende Richter im ersten Urteil im Oktober 2016. Es war Winter, die Temperatur um den Gefrierpunkt. Hätte nicht ein Nachbar Tatjanas Wimmern gehört und die Polizei alarmiert, wäre das Mädchen wahrscheinlich gestorben.

Nach der Tat flohen zwei der Täter, konnten aber gefasst werden. Alle vier kamen in Untersuchungshaft. Man hätte annehmen können, dass sie in der Einsamkeit der Zelle ihr Unrecht erkennen und sich ihrer Verantwortung stellen würden. Und auch, dass sie Strafen bekommen würden, die das Leiden des Opfers anerkennen und ihm so helfen würden, das Erlebte zu verarbeiten. Es kam anders.

Beim ersten Prozess 2016 traten keine reuigen Angeklagten auf, sondern großkotzige junge Männer. Sie grinsten, feixten, ihre Angehörigen und Freunde klatschten begeistert. Besonders laut war der Applaus beim Urteil: Nur Bosko P. kam ins Gefängnis. Die anderen erhielten Bewährungsstrafen, weil sie bei der Tat selbst noch Jugendliche waren. Außerdem, sagte der Vorsitzende Richter, hätten sie im Laufe des Prozesses Reue gezeigt. "Die Strafen mögen einem Teil der Öffentlichkeit milde erscheinen", sagte er. "Daran aber hat sich die Kammer nicht zu orientieren."

Die Empörung war tatsächlich groß, mehr als 100.000 Menschen unterschrieben eine Petition für höhere Strafen. Schließlich erzwang der Bundesgerichtshof eine neue Runde. Zwei weitere Delikte sollten geprüft werden, die in der ersten Instanz unberücksichtigt blieben: Die Verbreitung jugendpornografischer Schriften, weil die Täter den Missbrauch filmten. Und die sogenannte Aussetzung, weil Tatjana im Hof fast erfroren wäre. Im Januar 2018 begann die Verhandlung erneut.