Kein Therapeut würde einem Paar in der Krise empfehlen, in den quälenden Konflikten der gemeinsamen Vergangenheit die Schuldfrage zu klären. Er würde beiden raten, neue Gemeinsamkeiten zu suchen und nach vorn zu schauen. Vielleicht muss man so auch denken, um die Hamburger SPD zu verstehen.

Am Wochenende hatte die SPD ihren Landesparteitag. Olaf Scholz ist nun wirklich weg, Melanie Leonhard, die Sozialsenatorin, führt die Partei. Und hätten die Genossen nicht allenthalben von der "Erneuerung" gesprochen, die nun anstehe – mal ermunternd, mal skeptisch, weil man sich von einem solchen Zauberwort nicht zu viel versprechen solle –, dann könnte man fast glauben, die SPD habe keine Probleme.

Warum auch? Seit sieben Jahren regiert die SPD in Hamburg, in vieler Hinsicht geht es dem Land gut, die letzte Umfrage spricht für eine Fortsetzung der gegenwärtigen Koalition nach der nächsten Bürgerschaftswahl, die 2020 ansteht. Verglichen mit anderen Teilen des Landes ist Hamburg für Sozialdemokraten eine "Insel der Seligen", wie ein Parteivorstand am Wochenende sagte. Wie verunsichert die Partei trotz ihrer Erfolge ist, zeigte aber gerade dieser Satz über die einsame Ausnahmestellung des Landesverbands. Denn der Genosse fügte hinzu, dass es so doch bitte bleiben möge.

In Wirklichkeit hat die Hamburger SPD ein Problem, das aus ihrer Vergangenheit kommt und öffentlich nie angesprochen wird, weil alle Genossen wissen, dass es allen schadet. Die SPD in Hamburg, das waren einmal zwei Parteien, Linke und Rechte, wie sie einander nannten, zeitweise tief verfeindet, zeitweise in einer Art Burgfrieden zwangsweise vereint. Das hat der Partei nicht gutgetan, auch dem Land nicht, das die SPD in Phasen tiefer Zerstrittenheit mehr schlecht als recht regierte. Die Frage ist, was davon noch präsent ist – und was womöglich wieder aufbricht, nun, da die Integrationsfigur Olaf Scholz nicht mehr da ist.

Was ist übrig von den alten Flügelkämpfen? Mehr jedenfalls, als viele Genossen wahrhaben wollen.

Das fängt ganz oben an: Scholz verdankte seine Autorität auch seiner Herkunft vom linken Flügel der Partei, zusammen mit den Meriten, die er aus Sicht der Rechten als harter Innensenator in Hamburg und als Verteidiger der Hartz-Reformen im Bund erworben hatte. Für seinen Nachfolger Peter Tschentscher gilt dasselbe: Als Vorsitzender des traditionell eher linken Kreises Nord hat er auf der Linken Glaubwürdigkeit erworben, als Finanzsenator hat er die Scholzsche Haushaltspolitik vertreten und ist darum rechts anschlussfähig.

Mit linker und rechter Politik hat all das wenig zu tun. Was sollte "rechts" daran sein, Kriminalität zu bekämpfen oder den Haushalt zu sanieren? Das ist vielleicht das Seltsamste an Zuschreibungen dieser Art: dass viele Sozialdemokraten nach wie vor in diesen Kategorien denken. Viele in der SPD seien froh, dass Hamburg wieder einen linken Bürgermeister habe, sagt jemand, der in der Partei in hohem Ansehen steht.

Ist doch egal, ob die SPD regiert oder die CDU, heißt es auf dem linken Flügel

Und wie geht es an der Basis zu? "Ich glaube, wir sind auf gutem Wege zu einer Diskussionskultur, dass man frei ist, seine Ansichten zu vertreten, ohne diskreditiert zu werden. Da sind wir noch nicht angekommen, aber ich glaube, wir müssen dahin kommen." Das sagt Mathias Petersen, Kreisvorstand in Altona, der vor elf Jahren an der Spitze der Landespartei stand.

Die Hamburger SPD des Jahres 2018 ist noch nicht so weit, dass Parteimitglieder ihre Ansichten vertreten können, ohne diskreditiert zu werden?

Ein Parteitag ist eine Zusammenkunft der Elite, der Genossinnen und Genossen, die wissen, was man öffentlich sagt und was im kleinen Kreis. Fragen wir einmal – nein, nicht die Basis, die bekommt zu wenig mit –, fragen wir den Mittelbau der Partei. Am Tisch sitzen zwei Personen, zusammen etwas über hundert Lebensjahre, gut sechzig davon in der SPD. Vertreten sind zwei Kreisverbände und eine Richtung: links. Beide haben oder hatten Parteiämter inne, beide haben ihre politischen Lehrjahre mit der Schulung "Grundsätze sozialistischer Politik 1–3" verbracht.