Es ist der 10. November 1943, als Franz Doms erfährt, dass er bald sterben wird. Er sitzt in einem Saal des Wiener Landesgerichts vor Richtern des von den Nazis eingerichteten Sondergerichts. Er hört, wie der Oberstaatsanwalt sein Todesurteil spricht: "Der Angeklagte wird als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher wegen widernatürlicher Unzucht mit 18 Männern zum Tode verurteilt." Doms galt als hoffnungsloser Fall. Obwohl er mehrere Male im Gefängnis gesessen hatte, wurde er immer wieder "rückfällig". Er wolle einfach nicht aus seinen Fehlern lernen, so das Urteil. Doms Fehler war es, Sex mit Männern zu haben. Aus Sicht der Nationalsozialisten sei er somit jemand, der "die Seuche der Homosexualität" verbreitete. Er sei ein "bevölkerungspolitischer Blindgänger", der seine Zeugungskraft vergeude. So kam es, dass Franz Doms wenige Monate später mit dem Fallbeil enthauptet wurde. Er starb im Alter von 21 Jahren in dem Hinrichtungsraum des Landesgerichts.

Dasselbe Wien im Jahr 2018. Am Wochenende wird zum 23. Mal die Regenbogenparade über die Wiener Ringstraße ziehen, die Straßenbahnen sind aus diesem Anlass mit bunten Fähnchen geschmückt. Die Ampelmännchen zeigen Frauen mit Frauen und Männer mit Männern. In einem halben Jahr kommt die Ehe für alle. Dann dürfen Schwule und Lesben heiraten und sind nach langen Jahren der Diskriminierung heterosexuellen Paaren gleichgestellt. So einiges hat sich in den letzten siebzig Jahren zum Guten gewandelt, seit Franz Doms sterben musste. Teil der Erinnerungskultur ist er trotzdem nicht. Auf der Gedenktafel in der ehemaligen Richtstätte fehlt bis heute sein Name.

In einem Büro im vierten Bezirk in Wien lebt seine Geschichte weiter. Bei gutem Wetter ist die Türe des ebenerdigen Archivs offen. Andreas Brunner, 55, und Hannes Sulzenbacher, 49, sitzen auf Klappstühlen vor dem Eingang und trinken Kaffee. Die beiden Historiker forschen schon so lange miteinander, dass sie die Sätze des jeweils anderen beenden können. Niemand in Österreich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so ausgiebig mit der Geschichte der Homosexualität beschäftigt wie die beiden. Vor zehn Jahren haben Brunner und Sulzenbacher QWIEN gegründet. Es ist ein Dokumentationszentrum, das Zeitungen, Bücher und Strafakten zu Schwulen und Lesben sammelt, archiviert und in Datenbanken einspeist.

"Noch heute schnürt es mir die Kehle zu, wenn ich seine Geschichte erzähle"

Im Inneren des Büros – zwischen Bücherregalen, Magazinstapeln und Computertastaturen – liegt eine vergrößerte Schwarz-Weiß-Fotografie auf einem überfüllten Schreibtisch. Es zeigt einen Mann mit Anzug, Krawatte und Hut. Die Haare sind streng nach hinten frisiert, der Blick direkt in die Kamera gerichtet. Der junge Franz Doms sieht aus, als würde er für einen Modefotografen und nicht für einen Kriminalbeamten posieren.

"Noch heute schnürt es mir die Kehle zu, wenn ich seine Geschichte erzähle", sagt Brunner und nimmt die Kopie in die Hand. Das Original hat er vor einigen Jahren im Wiener Stadt- und Landesarchiv in einem Strafakt gefunden. Es ist einer jener Fälle, die ihn bis heute nicht loslassen. In den Archiven des Landes schlummern Hunderte, vielleicht sogar Tausende solcher Strafakten, denn die Verfolgung von Schwulen und Lesben war keineswegs auf die Nazizeit beschränkt. Bis in die siebziger Jahre war Homosexualität in Österreich strafbar – für Männer gleichermaßen wie für Frauen. Gesetzesgrundlage war der Paragraf 129 Ib, der "Unzucht wider die Natur mit Personen desselben Geschlechts" mit bis zu fünf Jahren Kerker bestrafte. Eingeführt wurde der Paragraf 1852 unter Kaiser Franz Joseph, abgeschafft 1971 vom sozialdemokratischen Bundeskanzler Bruno Kreisky. Der Paragraf ist ein Überbleibsel aus der Monarchie, der den Zerfall des Habsburgerreiches ebenso überlebte wie zwei Weltkriege, die Besatzung durch die Alliierten und den Beitritt Österreichs in die UN. Er zwang Generationen von Schwulen und Lesben dazu, ihre Sexualität nur im Geheimen auszuleben.

Quellen sind selten, denn wer verfolgt wird, schreibt sich nicht in die Geschichte ein

In der Geschichtsschreibung waren Schwule und Lesben lange ein Tabu. Historiker kamen erst gar nicht auf die Idee, sich mit ihrem Schicksal, geschweige denn mit ihren Lebensweisen zu beschäftigen. Als Brunner und Sulzenbacher Ende der achtziger Jahre damit begannen, in den Archiven nach Dokumenten zur queeren Geschichte zu suchen, waren homosexuelle Beziehungen zwar legal, aber gesellschaftlich nach wie vor völlig geächtet. In Wien gab es noch keine Regenbogenparade. Schwule Pornografie war verboten. Es galt ein Verbot der "Werbung für gleichgeschlechtliche Unzucht" – ähnlich wie heute in Russland. Broschüren und Kampagnen über schwul-lesbische Lebensweisen oder Aids konnten eingezogen und verboten werden. "Es war schon provokant, mit einem T-Shirt von Keith Haring herumzulaufen", sagt Brunner und lacht. In diesem homophoben Klima zogen die beiden nach Wien – Brunner aus Niederösterreich, Sulzenbacher aus Tirol. Beide erlebten in der Großstadt ihr Coming-out und begannen, sich in der Szene zu engagieren. Und sie fassten einen Entschluss: Wenn sich die alteingesessenen Professoren nicht mit dem Thema beschäftigen wollen, dann müssen eben Schwule und Lesben selbst aktiv werden, um ihre eigene Geschichte zu erforschen, über die so lange geschwiegen wurde. Im wissenschaftlichen Betrieb galt man mit einem solchen Thema als Außenseiter. "Man wurde sofort in eine Schublade gesteckt", sagt Brunner. "Damit warst du in der akademischen Sackgasse", erinnert sich Sulzenbacher.

Heute arbeitet das Team von QWIEN an einem Großprojekt: die namentliche Erfassung aller zur Zeit des Nationalsozialismus verurteilten und in Konzentrationslager deportierten Homosexuellen. Dieser Opfergruppe will die Stadt Wien bald ein eigenes Mahnmal widmen. QWIEN soll die Zahlen und Gesichter dahinter erforschen. Tausende Namen – verstreut in Hunderten Akten. Vergilbte Seiten, die vor mehr als 70 Jahren mit Schreibmaschinen beschrieben wurden. Zwischen den Zeilen spielen sich große Dramen, kleine Liebesgeschichten und zwischenmenschliche Tragödien ab. Da zeigen Eltern ihre eigenen Töchter an, weil sie anderen Mädchen in der Arbeit Liebesbriefe zustecken. Da denunzieren Ehefrauen ihre Männer bei der Gestapo, damit sie im Scheidungsprozess bessere Karten haben. Da greifen Männer anderen Männern in der Sauna zwischen die Beine, ohne zu wissen, dass sie einen Kriminalbeamten im Dienst vor sich haben. Da beklauen Stricher ihre Kunden, und da vergiften Frauen ihre Ehemänner. "Das Bett", seufzt Sulzenbacher, "ist immer der Anfang von allem Unheil." Eigentlich mache er sich ja nichts aus dem Sex anderer Leute. Aber "wenn sie dafür ins Konzentrationslager gesperrt und verfolgt werden, dann muss man sich dafür interessieren".