Deutschland unterstützt syrische Studenten in Jordanien. Sie sollen einmal beim Wiederaufbau ihres Landes helfen. Aber an eine Rückkehr ist noch nicht zu denken. Was jetzt?

Die Hölle ist zwanzig Kilometer vom Paradies entfernt. So weit ist es vom Campus der Jordanischen Universität für Wissenschaft und Technologie (JUST) in Irbid bis nach Daraa jenseits der Grenze in Syrien. Jener Stadt, in der die Proteste gegen Assad begannen, in der die ersten Panzer rollten und die ersten Menschen starben, damals im März 2011. Daraa ist heute zerstört. So wie Aleppo, so wie Homs, so wie viele Städte Syriens. Der Bürgerkrieg geht ins achte Jahr, nach Schätzungen wurden über dreihunderttausend Menschen getötet. Über elf Millionen Menschen sind auf der Flucht, die Hälfte davon im eigenen Land, Millionen suchen Schutz in den Nachbarländern Türkei, Libanon, Jordanien.

Mohammed al-Subi, 25 Jahre alt, angehender Bauingenieur, dunkle Jeans, weißes Hemd, sitzt im vierten Stock der wohltemperierten Universitätsbibliothek von JUST. Vor den Fenstern erstreckt sich ein gepflegter Campus, Büsche an den Wegrändern haben die Form von Delfinen, Studenten plaudern im Schatten der Bäume. Uni-Idylle. Mohammed al-Subi hat dafür keinen Blick, er schaut in die Hölle. Auf seinem Smartphone laufen Aufnahmen aus Daraa, aufgenommen von einer Drohne, man sieht zerstörte Häuser, Straße um Straße, Viertel um Viertel, Betongerippe, menschenleer.

Mohammed kommt aus einem Dorf nahe Daraa. In Daraa, das vor dem Krieg einmal 100.000 Einwohner hatte, ging er an die Uni, Elektroingenieur wollte er werden. Als der Bürgerkrieg das Studieren unmöglich machte, wich er nach Homs aus, bis auch dort der Krieg alle Hoffnungen vernichtete. Er floh 2012 nach Jordanien, die Grenze war noch offen. Ohne Eltern und Geschwister, sie sollten später nachkommen. Die Straße von Irbid nahe der Grenze bis zur jordanischen Hauptstadt führt durch sanfte Hügel mit Olivenbäumen, Zypressen, eine friedliche Landschaft, der Krieg ist plötzlich fern und doch so nah. Mohammed fand bei Verwandten in Amman eine Bleibe.

Er ist einer der 665.000 Menschen, die aus Syrien nach Jordanien geflüchtet sind. So viele sind es nach den offiziellen Zahlen der Vereinten Nationen. Die jordanische Regierung geht von 1,3 Millionen aus. Jordanien hat 9,5 Millionen Einwohner. Allein in Saatari, einem der größten Flüchtlingscamps, leben 80.000 Menschen. Seit Jahren, erst in Zelten, später in Containern. Aus Provisorien wurde ein Dauerzustand. Gemessen an der Einwohnerzahl, wäre es die viertgrößte Stadt Jordaniens. Der Großteil der Syrer aber, über 90 Prozent, ist in den Dörfern und Städten des Landes untergekommen.

Wie schafft es dieses kleine Land, so viele Flüchtlinge aufzunehmen, ohne selbst aus den Fugen zu geraten? Jordanien hat kein Öl, kein Gas, die Wirtschaft, nie besonders stark, schwächelt seit dem Krieg im Nachbarland noch mehr. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, 18 Prozent im Durchschnitt, fast drei Viertel der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 30 Prozent, Hochschulabsolventen sind davon nicht ausgenommen. Der Bachelorabschluss taugt eher für den Heirats- als für den Arbeitsmarkt.

Der Konkurrenzkampf um Wasser und Wohnungen wird härter

Die Lage wäre schon ohne Flüchtlinge schwierig genug. Noch bewältigt Jordanien ihre große Zahl – dank gewaltiger Summen aus Europa, aus den Golfstaaten, aus den USA. Aus Deutschland, nach den USA zweitgrößter Geldgeber, flossen 2017 über 570 Millionen Euro ins Land. Jordanien ist die letzte Insel der Stabilität in der Region, die gilt es zu sichern. Wie dringend das ist, zeigte sich vergangene Woche: Es gab die größten Proteste seit Jahren, sie richteten sich gegen die Sparmaßnahmen der Regierung. Ministerpräsident Al-Mulki reichte bei König Abdullah seinen Rücktritt ein. Die Flüchtlinge verschärfen den Konkurrenzkampf um Jobs, Wasser, Wohnungen, die Mieten sind in manchen Vierteln und Dörfern um ein Vielfaches gestiegen. Betroffen sind vor allem die ärmeren Jordanier.

Bleibt die Unterstützung der Flüchtlinge in Ländern wie Jordanien und dem Libanon aus, werden weitere Millionen nach Europa kommen, mahnte Entwicklungsminister Gerd Müller schon 2016. Ein Satz, der noch heute gilt.

Viele der Geflüchteten sind jung, hoffen auf Arbeit, einen Abschluss, eine Zukunft. Hoffnungen, die sich oft nicht erfüllen werden. Es droht eine Generation ohne Perspektiven heranzuwachsen. Um dem etwas entgegenzusetzen, gibt es zahlreiche Hilfsprogramme, von der Europäischen Union, von Deutschland. Eines der ambitioniertesten richtet sich an Studenten. Es sollen Fachkräfte für den Wiederaufbau Syriens ausgebildet werden. Das Stipendienprogramm trägt den passenden Namen Hopes (Higher and Further Education Opportunities and Perspectives for Syrians). Finanziert wird es über einen Treuhandfonds der EU, den Madad Fund, der DAAD ist für die Umsetzung zuständig. Knapp 500 Stipendien wurden bisher vergeben, nicht nur in Jordanien, auch in der Türkei, im Libanon, in Ägypten oder im Irak.

Einer der Stipendiaten ist Mohammed al-Subi aus Daraa. In der Uni-Bibliothek erzählt er seine Geschichte. Nach seiner Flucht holt er den Bachelorabschluss nach, er sattelt um auf Bauingenieur, weil er es für nützlicher für den Wiederaufbau seines Landes hält. Eine Arbeitserlaubnis, die seiner Qualifikation entspricht, erhält er aber nicht. Es gibt zu viele arbeitslose Jordanier. Ausländer dürfen nur einfache Jobs übernehmen – auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. Er jobbt in einer Bäckerei, um sich über Wasser zu halten. Mohammed will seinen Master machen, aber die Studiengebühren in Jordanien sind für Ausländer hoch, an staatlichen Hochschulen kostet ein Masterstudium zwischen 5.000 und 10.000 Euro. Er kann es sich nicht leisten.

An eine Rückkehr nach Syrien ist noch nicht zu denken, der Krieg hat sich festgefressen. Mohammed al-Subi, gut ausgebildet, ist mit 24 Jahren in eine Sackgasse geraten.

Mit wachsender Verzweiflung sucht er im Netz nach Stipendien, bis er auf Hopes stößt. Er bewirbt sich, wird im Sommer 2016 zum Vorstellungsgespräch geladen, Professoren stellen ihm Fragen, fachliche, zu seinen Zielen, seiner Erfahrung mit Freiwilligenarbeit, seine Motivation, sich für den Wiederaufbau Syriens einzusetzen. Mohammed besteht, das Stipendium deckt Gebühren und Lebenshaltungskosten. Er beginnt sein Masterstudium an der JUST in Irbid. Eine Elite-Universität, moderne Ausstattung, gute Professoren. Er ist ein hervorragender Student. Die Absolventen der JUST haben für gewöhnlich keine Probleme auf dem Arbeitsmarkt – die jordanischen. Nur für Mohammed wird es nach seinem Abschluss heißen: keine Anstellung für Ausländer.

Sein Paradies hat einen Haken: Es ist befristet.