Macht man sich mit dem Bösen gemein, wenn man zum Bösen nicht gemein sein will? Es gibt viele Menschen, die das glauben. Die der Meinung sind, dass man schon Schuld auf sich lädt, wenn man nur dafür plädiert, die AfD nicht pauschal auszugrenzen – selbst einen Mann wie Alexander Gauland nicht. Diese Menschen sind jetzt der Meinung, auch ich hätte Schuld auf mich geladen.

Denn ich habe vor etwa zwei Wochen auf Twitter einen Satz gepostet. Er lautet: "Ich sehe recht viele Journalisten in meiner Timeline, die gestern offenbar mehr oder weniger privat an einer Demo namens 'AfD wegbassen' teilgenommen haben. Ich finde das problematisch. Kann man denn dann am nächsten Tag wirklich wieder glaubwürdig über die #AfD schreiben?"

Ich habe mich dagegen ausgesprochen, dass Journalisten sich öffentlichen Protesten gegen die AfD anschließen. Mein Tweet war Ausdruck dessen, was ich denke: dass es keinen Sinn hat, Einheitsfronten gegen die AfD zu bilden. Dass, wer die AfD ausgrenzt, auch ihre Wähler ausgrenzt – und jene, die darüber nachdenken, vielleicht mal ihre Wähler zu werden. Ich halte Ausgrenzung für ungesund in einer Demokratie.

Viele Kollegen haben mich in dieser Haltung unterstützt. Was ich aber auch erlebte, war massive Gegenwut. Mir wurde vorgeworfen, ich würde die AfD relativieren. Einige schrieben, ich öffnete den Faschisten Tür und Tor. Eine Leserin twitterte: "Alle hassen dich." Ich würde "Rassismus, Islamophobie und Nationalismus" befördern, erklärte jemand. Und ein Grüner schrieb, ich sei unfähig, den "Vernichtungskern des Neofaschismus" zu erkennen und zu benennen.

Ich bin also Wegbereiter des Faschismus, weil ich als Journalist nicht an Anti-AfD-Demos teilnehmen will? Das hat mich schon getroffen. Deshalb soll es hier um einen Umgang mit der AfD gehen, der mir Sorgen macht. Weil er sich in eine Richtung entwickelt, die der AfD nützt.

Die AfD ist eine Partei, die sich mehr und mehr radikalisiert. Mit jedem Radikalisierungsschub der AfD entwickeln mehr Leser, Politiker, Journalistenkollegen das Gefühl, dass auch die Abgrenzung von der AfD radikaler werden müsse. Das ist emotional verständlich. Es hat aber zur Konsequenz, dass angezweifelt wird, ob einer noch auf der richtigen Seite steht, der nicht bereit ist, die AfD mit allen Mitteln zu bekämpfen. Damit ist eine neue Eskalationsstufe im Umgang mit der Partei erreicht: Viele finden, sie müsse jetzt endlich weg, sie müsse niedergebrüllt werden. Wie zur Bestätigung stellte sich ein paar Tage nach meinem Tweet AfD-Fraktionschef Gauland hin und sagte, die Verbrechen des Nationalsozialismus seien zwar schlimm, aber in Anbetracht von 1000 Jahren deutscher Geschichte nur ein "Vogelschiss".

Ein Pfarrer schrieb mir daraufhin, es sei ja wohl kein Zufall, dass Gauland seine "nationalistische Duftmarke" nach der von mir angezettelten Twitter-Debatte gesetzt habe. Ich war nun also auch an Gaulands NS-Relativierung mitschuldig. Das meine ich, wenn ich sage, dass eine neue Phase der Gegenradikalisierung begonnen hat. Weil die AfD aufgerüstet hat, wollen ihre Gegner ebenfalls aufrüsten. Man kann gerade dabei zuschauen; beobachten, wie aus Rissen im Land Krater werden. Krater, über die hinweg die Menschen einander mit Wortraketen beschießen. Es kann nicht gut sein, der AfD in diesen Krieg zu folgen.

Ich würde das gerne persönlich begründen. Ich leite das Korrespondentenbüro der ZEIT in Leipzig, ich lebe also in Sachsen. In einem Bundesland, in dem die AfD bei der Bundestagswahl stärkste Kraft geworden ist und in dem niemand sein Sparbuch dagegen wetten würde, dass die AfD im kommenden Jahr auch die Landtagswahl gewinnen könnte. Gerade wurde eine neue Umfrage bekannt, die die AfD bei 24 Prozent sieht, Tendenz steigend, die CDU bei 32, Tendenz sinkend. Eine Regierungsbildung ohne AfD wäre mit diesen Zahlen praktisch unmöglich.