Letzte Woche schrieb der Chef der Glaubenskongregation, Luis Ladaria, den deutschen Bischöfen einen Brief. Er stoppte damit im Auftrag des Papstes überraschend die Weiterarbeit am Dokument über die Eucharistie für Protestanten, die Franziskus zuvor noch gefordert hatte. Seither fragen sich die Katholiken: Ist der Papst doch nicht so modern, wie er früher immer getan hat – oder warum bremst er nun die Liberalen aus? Marco Politi hat ein Buch über die Feinde des Papstes geschrieben – und die sieht er auch jetzt im Kommunionsstreit wieder am Werk.

Frage: Herr Politi, Anfang Mai sagte der Papst den deutschen Bischöfen noch: Einigt euch im Kommunionsstreit. Jetzt hat er aber doch selber ganz plötzlich eingegriffen und den Streit für beendet erklärt. Warum?

Marco Politi: Der Papst ist nun in der zweiten Halbzeit seines Pontifikats. Er ist in einer schwierigen Situation, seine Gegner halten ihn unter Druck. Das hat man in den letzten beiden Jahren gesehen – es gab viele konservative Appelle und Briefe gegen Amoris laetitia, das Schreiben zu Ehe und Sexualität. Dem Papst wurde sogar vorgeworfen, dass einige Teile von Amoris laetitia häretisch sein könnten, also Ketzerei. Das alles ist die größere Dimension des deutschen Bischofsstreits. Deshalb macht der Papst jetzt einen Schritt vorwärts und einen zurück.

Frage: Aber es gibt eine große Mehrheit für das Dokument der Bischofskonferenz, in dem festgeschrieben werden soll, wann protestantische Ehepartner die Kommunion erhalten können.

Politi: Ja. Aber im Moment herrscht in der Kirche ein Bürgerkrieg im Untergrund zwischen den Reformfreudigen und den Konservativen. Die Deutsche Bischofskonferenz mag in ihrer Mehrheit progressiv sein, die Weltkirche ist es nicht. Es gibt in der Kurie und in der Weltkirche eine bremsende Mehrheit.

Frage: Aus welchen Bischöfen besteht diese Mehrheit?

Politi: Es gibt Erzkonservative. Es gibt Ängstliche. Es gibt an der Tradition Hängengebliebene. Es gibt die, die zu träge sind, neuen Zeiten ins Gesicht zu sehen. Der Konflikt innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz entzündet sich ja an zwei symbolträchtigen Figuren.

Frage: Kardinal Marx, der Reformfreudige, und Kardinal Woelki, der Bremser.

Politi: Franziskus hat beiden Männern zu verschiedenen Gelegenheiten sein Vertrauen gezeigt. Marx ist im Neunerrat der wichtigsten Kardinäle, im Kronrat sozusagen. Und Woelki hat der Papst persönlich für Köln gewollt als Nachfolger von Kardinal Meisner.

Frage: Welche Rolle spielt Erzbischof Ladaria, Chef der Glaubenskongregation, der den Brief geschrieben hat, mit dem der Papst die deutsche Kommuniondiskussion beendete?

Politi: Er tut, was Franziskus entscheidet. Ladaria wurde ausgewählt, weil sein Vorgänger, Kardinal Müller, immer den Controcanto zum Papst machte, den Gegengesang. Ganz anders Ladaria: Er ist treu.

Frage: Was man nicht von allen Teilen der römischen Kurie behaupten kann.

Politi: Wenn man einen Monsignore im Vatikan fragt: Wie ist die Situation? Dann bekommt man als Antwort: unübersichtlich, verworren. Auch die Kurie ist gespalten. Die Wahrheit ist, dass der Papst in der Weltkirche keine Mehrheit für seinen Reformkurs hat. Das sieht er jetzt. Deshalb ging er im deutschen Kommunionsstreit erst voran, aber als sich der Widerstand über die Grenzen Deutschlands hinaus regte, kam eben die Bremse von Ladaria hinterher.

Frage: Der Papst konnte den deutschen Bischöfen nicht folgen, weil die Welt dagegen gewesen wäre?

Politi: Ja. Der Vatikan hat Angst vor Spaltung, es ist seine größte Angst. Hätte der Papst dem deutschen Vorschlag zugestimmt, hätten andere Bischofskonferenzen gefragt: Hat sich denn jetzt das Lehramt weltweit verändert oder nicht, wir wollen Klarheit!

Frage: Hat es sich verändert?

Politi: Der Papst will das Lehramt nicht öffentlich verändern. Oder er kann es nicht. Es ist nicht so wie in der Konzilszeit in den sechziger Jahren, als die Mehrheit der Bischöfe weltweit für Veränderung war.

Frage: Zu Beginn seines Pontifikats war der Papst mutig und reformwillig. Bekommt er jetzt etwa Angst?

Politi: Er fühlt, dass er keine genügend starke Masse von Bischöfen für eine generelle Reformlinie hinter sich hat. In der Familiensynode vor einiger Zeit gab es keine Mehrheit für den sehr progressiven Vorschlag von Kardinal Kasper und der Deutschen Bischofskonferenz.

Frage: Damals ging es um die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene.

Politi: Kardinal Kasper sagte damals ja, man muss wiederverheirateten Geschiedenen nach einer Buß- und Besinnungszeit die Kommunion geben. Im Schlussdokument der Synode steht dieser deutsche Vorstoß nicht mehr drin. Es gab keine Zweidrittelmehrheit für so viel Progressivität. Das war ganz klar parlamentarisch geregelt, wie bei einem Konzil auch: ein Kopf, eine Stimme. Und die Modernisierer haben sich eben nicht durchsetzen können.

Frage: Die Deutschen sind zu modern.

Politi: Der Papst ist einfach nicht sicher, dass er auch auf Weltebene eine Reformmehrheit hat.