Der Schweizer Unternehmer und Sammler Uli Sigg gilt international als bester Kenner des zeitgenössischen chinesischen Kunstmarkts. Ein Gespräch über dessen Entwicklung, Trends und Eigenheiten aus Anlass seiner Ausstellung "A Chinese Journey" im Het Noordbrabants Museum’s-Hertogenbosch (bis 8. Juli).

DIE ZEIT: Herr Sigg, Sie besitzen mehr zeitgenössische chinesische Kunst als jeder andere Sammler. Sämtliche Werke der aktuellen Ausstellung A Chinese Journey im Noordbrabants Museum kommen von Ihnen. Haben Sie eigentlich keine Konkurrenz?

Uli Sigg: Als ich 1979 zum ersten Mal als Manager nach Peking kam, dachte ich, ich könnte das Land mithilfe zeitgenössischer Künstler besser kennenlernen. Ahnungslos, wie ich war. Denn was ich sah, waren ungelenke Derivate westlicher Kunst. Die Künstler waren völlig von der Außenwelt abgeschlossen, sie hatten kein Publikum und keinen Markt. Erst 1995, als ich vier Jahre lang als Botschafter für China, Nordkorea und die Mongolei zuständig war, begann ich systematisch zu sammeln.

ZEIT: Mit welchem Konzept?

Sigg: Als ich sah, dass es keine Institution für Gegenwartskunst gab, habe ich beschlossen, die Lücke zu füllen. Ich wollte die Kunstproduktion seit 1979 – erst seitdem kann man von autonomer zeitgenössischer chinesischer Kunst sprechen – in ihrer ganzen Breite spiegeln.

ZEIT: Wo trafen Sie die Künstler?

Sigg: Ich ging in die Ateliers und kaufte, was für die Künstler völlig ungewohnt war. Sie stellten mich anderen Künstlern vor, und ich kaufte immer weiter.

ZEIT: Gab es außer Ihnen noch weitere Sammler?

Sigg: Man konnte sie an zwei Händen abzählen. Es waren einige Freunde der Künstler und ein paar Expatriates aus dem Westen, dazu mal ein Diplomat. Die Preise lagen bei 500 oder 1.000 Dollar. Ein erster Test für einen internationaleren Markt war 1996 eine Auktion, die eine Bekannte mit den Künstlern machte, die ich sammelte.

ZEIT: Wer war darunter?

Sigg: Unter anderen Zhao Bandi, er galt damals als bester chinesischer Maler. In meiner Ausstellung A Chinese Journey hängt ein Porträt von mir mit seiner Pandamütze. Sein Werk brachte damals den Rekordpreis von 12.000 Dollar, heute würde es über eine Million kosten. Oder Zeng Fanzhi, derzeit der teuerste chinesische Künstler: Ein Gemälde wurde für 7.000 Dollar versteigert, was als extravagant galt. Heute ist der Preis um sieben Millionen.

ZEIT: Wer außer Ihnen steigerte damals?

Sigg: Ein Chinese, zwei, drei westliche Sammler. Es war eigentlich deprimierend. Um die Künstler international bekannter zu machen, lobte ich einen Preis aus und berief Harald Szeemann als einen der Kuratoren. Er war begeistert, und 1999 lud er 20 Künstler zur Biennale nach Venedig. Darunter Ai Weiwei.

ZEIT: Wie ist das Verhältnis der chinesischen Regierung zu Ai Weiwei?

Sigg: Sein Name darf nicht fallen. Er wird völlig weggeblockt. Das Problem ist sein Aktivismus, nicht seine Ästhetik. 1999 war jedenfalls der Augenblick, in dem westliche Sammler, Galeristen und Kuratoren Notiz von Kunst made in China nahmen. In der Folge setzten sich die Preise in Bewegung.

ZEIT: Gab es nun chinesische Sammler?

Sigg: Die stiegen so ab 2002 in den Markt ein, damit schossen die Preise für die gefragtesten Künstler nach oben. Zuerst von 5.000 auf 500.000 und bis zum Crash 2008 auch mal auf zehn Millionen Dollar. Dem Hype folgte auch in China ein Einbruch, doch der Markt erholte sich schnell. Die Basis der Sammler erweiterte sich kontinuierlich. Seit etwa 2013 beobachte ich zudem einen neuen Trend: Nun kauft eine jüngere Generation chinesischer Sammler immer intensiver westliche Kunst.

ZEIT: Was bedeutet diese Entwicklung?

Sigg: Die zeitgenössische chinesische Kunst ist Teil des globalen Mainstreams geworden. Die Künstler reisen, haben Zugang zum Internet und bedienen sich aller in der globalen Gegenwartskunst verfügbaren Strategien. Die beiden Ströme fließen gerade zusammen. Die aktuelle Frage lautet: Hat die chinesische Kunst Einfluss auf die Gesamtentwicklung, oder wird sie vom Mainstream aufgesogen?