Es gab mal eine Zeit, da hat mich niemand darum beneidet, ein Dorfkind zu sein. Das Landei vom Einödhof am Rande des Bayerischen Walds.

Damals, in meiner Schulzeit, wollte ich so leben wie die Stadtkinder. Wie meine Freundinnen, die von der Schule nach Hause laufen konnten und sich nicht in einen stickigen Bus quetschen mussten. Die sich auf dem Heimweg am Kiosk Fruchtgummischnüre oder die Bravo kauften, weil es in der Stadt an jeder Ecke Kioske gibt und nicht nur eine halbtags geöffnete Tankstelle im überübernächsten Dorf. Die sich nachmittags im Kino trafen statt hinter dem Friedhof.

Seit ich in München lebe, ist es umgekehrt. Die erwachsenen Stadtkinder, Freunde und Kollegen, beneiden mich um die Idylle, in der ich angeblich aufgewachsen bin, um jeden Heuballen hinter unserem Haus, jede Kirsche, die ich vom Baum gepflückt und jede Schramme, die ich mir dabei geholt habe. Und weil wir gerade bei Klischees sind, den Duft von frisch gemähtem Gras finden sie auch ganz wunderbar. Genau wie ich. Aber die Stadtkinder und ich, wir sehen trotzdem nicht dasselbe, wenn wir auf das Land blicken.

Die Städter schwärmen von der Abgeschiedenheit, der Ruhe. Als Kind ist dir Ruhe scheißegal. Ich denke nicht an weite Wiesen und den pittoresken Kirchturm, wenn ich an meine Kindheit denke, sondern an 25 Kilometer Fahrt bis in die nächste Stadt. An die neun Jahre, in denen ich zweimal am Tag 45 Minuten in einem überfüllten Schulbus saß (und noch öfter stand). Ich erinnere mich an Nachmittage, an denen ich beleidigt in meinem Zimmer hockte, weil ich eine Freundin besuchen wollte und meine Eltern keine Zeit hatten, mich zu ihr zu bringen. Heu und Kirschen halfen mir da auch nicht weiter. Nie vergessen werde ich den einsamen Heimweg von der Discobus-Haltestelle im Dorf, auf dem ich plötzlich den Bauern bemerkte, der um ein Uhr nachts noch mit der Mistgabel auf seinem Feld herumfuchtelte. Ich rannte damals um mein Leben.

Die Bewunderung begegnet mir inzwischen nicht nur in persönlichen Gesprächen, sie ist zum Zeitgeist geworden. Berliner fahren, explizit um kein Internet zu haben, fürs Wochenende in die Uckermark und nennen Funklöcher liebevoll "digital detox" – "perfekt zum Runterkommen". Dabei löst es doch erst recht Stress aus, wenn ein Film-Stream in schlechter Qualität noch Vorladezeit benötigt. Man entspannt sich ja auch nicht im Stau. Ein Start-up karrt sogar die Schmutzwäsche von Berlinern aufs Brandenburger Land – zum Trocknen an der frischen Landluft. Ich erinnere mich nicht mehr an viel von meiner Abi-Fahrt zur Côte d’Azur, aber an die Güllewolke, die meinem Koffer entwich, als ich ihn öffnete. Der Bauer hatte den Dung genau dann auf dem Feld vor meinem Elternhaus verteilt, als meine Mutter die Wäsche an der sogenannten frischen Luft trocknete. Bei den Ausflügen durch Südfrankreich wollte im Bus niemand neben mir sitzen.

Dass auf dem Dorf jeder jeden kennt (oder über ein paar Ecken auch beinahe mit jedem verwandt ist), klingt für mich nicht nach Zusammenhalt, sondern nach einer Drohung. Kein Mini Milk und später kein Bier aus dem Tante-Emma-Laden blieb vor den Eltern geheim. Die Besitzerin ist die Schwester meiner Oma.

Am meisten verklärt aber wird der Wald. Für die Städter ist er Abenteuerspielplatz, Outdoor-Fitnessstudio und Kurort in einem. Aus diesem Missverständnis ist ein Riesengeschäft geworden. Manager gehen, begleitet von Waldtherapeuten, zur Stressbewältigung "waldbaden", machen Ausflüge in den Heil- oder Yoga-Wald, sie fahren zur "Forest-Therapy" nach Südtirol. Dort umarmen sie Bäume, laufen barfuß durchs Dickicht und nennen das Ursprünglichkeit. Dutzende Studien beschwören die Heilkraft des Waldes. Ein Waldspaziergang soll den Blutdruck senken, das Immunsystem stärken, die Lungenkapazität und die Elastizität der Adern verbessern, Killerzellen gegen Krebs aktivieren und sogar das Selbstwertgefühl steigern. Jedes Superfood stinkt dagegen ab. Wer statt Wellness Action sucht, bucht Kurse wie "Auf dem Weg zum Holzfäller" im Pfälzerwald, wo man drei Tage lang Bäume mit der Motorsäge traktiert.