Dies war einmal der "linke" Kontinent, der Erdteil mit der "rosaroten Flut". Venezuela, Nicaragua, Bolivien, Ecuador, Honduras, Paraguay, Brasilien, Uruguay, Argentinien, Chile und Peru: In den ersten 15 Jahren des Jahrtausends erzielten Sozialisten hier erstaunliche Wahlerfolge, sie vernetzten sich untereinander, trotzten den USA und probierten Alternativen zum "neoliberalen" Konsens aus.

Die Latino-Sozialisten inspirierten selbst in Europa linke Salondebatten. Sie bekämpften die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit ihrer Region, wollten sich aber nicht als Rote der alten Art verstehen. Eher als eine Avantgarde in Rosarot – obwohl der Nachbar Kuba, eine letzte Bastion aus sowjetischer Zeit, auf die Entwicklung erheblichen Einfluss nahm.

Und jetzt? Am Sonntag wird in Kolumbien gewählt, gewinnen wird aller Voraussicht nach einer der konservativsten Politiker seit Langem. Im Oktober sind Wahlen in Brasilien: Dort sitzt der Rosa-Welle-Held da Silva im Gefängnis, Konservative haben sich 2016 die Macht durch ein Intrigenspiel geholt – ohne Wahlen. Argentinien und Chile: Beide werden erzkonservativ regiert. Mexiko: Wahlen am 1. Juli, der Linkskandidat Andrés Manuel López Obrador hat sogar gute Chancen, gerät aber zunehmend unter Druck durch schlichte Slogans: "Wir wollen hier kein zweites Venezuela!"

Wo die rosarote Flut auflief: Da ist jetzt Ebbe.

Es gibt ein paar Ausnahmen. Uruguay etwa lebt gut mit seiner sozialdemokratischen Regierung, die freilich ökonomisch eher liberal regiert. Anderswo sind die Linken noch an der Macht, haben sich aber in Zerrbilder der alten Idealisten verwandelt. In Venezuela, wo die Entwicklung 1999 mit dem "Comandante" Hugo Chávez begann, hat der amtierende Präsident Nicolás Maduro die Demokratie abgeschafft. Er regiert mithilfe eines von kubanischen Beratern durchsetzten Militärs. In Nicaragua lässt der einstige sandinistische Volksheld Daniel Ortega auf Demonstranten schießen.

Das Problem ist, dass der Anstieg der rosaroten Flut in einer weltwirtschaftlichen Sondersituation geschah – und die kommt so schnell nicht zurück. Zu Beginn des Jahrtausends wuchs die Weltwirtschaft solide, was besonders am aufsteigenden China lag. Chinesischer Rohstoffhunger trieb die Preise für Erze, Soja oder auch Rindfleisch in die Höhe. Davon gab es reichlich in Lateinamerika.

Den neuen Linken gelang in dieser Wirtschaftslage etwas, woran alte Linke oft gescheitert sind: Sie sorgten für sozialen Ausgleich und Wirtschaftswachstum zugleich. Dank der Exporte war genug für alle da. Extrem war das in Venezuela, wo Chávez, statt Wirtschaftspolitik zu betreiben, einfach Ölgewinne im Volk verteilte und ansonsten die Unternehmer außer Landes trieb. In Lateinamerika ging die Armut zurück, es entstand eine neue Mittelschicht.

Der Rohstoffboom ist vorbei, und es gab eine Weltfinanzkrise. Wirtschaftspolitik ist wieder schwer, der Zaubertrick der neuen Linken klappt nicht mehr. Ihre Sozialprogramme gelten als zu teuer, ihre Schuldenberge als problematisch. Dass sie so stark auf Rohstoffexporte bauten, brachte sie in Konflikt mit Teilen ihrer eigenen Basis: denen, die die Umwelt schützen wollen und die sich für Indigene oder ländliche Minderheiten einsetzen.

Einige westliche Investoren ziehen gerade ängstlich ab, zumal die US-Zinspolitik ein Investment in Lateinamerika weniger rentabel macht. Die Chinesen hingegen sind treue Freunde der Latinos geblieben. Sie investierten auch währen der Krise der vergangenen Jahre weiter, vor allem in Infrastruktur zur Ausfuhr von Öl, Erzen, Soja, Rindfleisch oder Tropenholz. Sie glauben: Der nächste Rohstoffboom kommt bestimmt, und dann wird Lateinamerika wieder gebraucht. Welche Politik dann gemacht wird, ob sozialistisch-rosa oder hellblau-konservativ? Das finden die Chinesen weniger interessant.

Quelle: Eigene Recherchen, nationale Statistikämter, Internationaler Währungsfonds für die Wachstumsziffern (2017 oder neueste verfügbare Angaben), Statistisches Bundesamt für die Exportziffern (im Jahr 2017) © Anton Hallmann